Wettbewerbsvorbereitung

„Ich freue mich Monate vorher auf den Wettbewerb und kurz vorher davor denke ich immer: ‚Warum habe ich mich noch mal angemeldet?‘“

Valère Burnon

Bei dem Thema Wettbewerbsvorbereitung habe ich mir mal jemanden dazu geholt, der darüber mehr sagen kann als ich! Ich selbst habe bisher keine internationalen Wettbewerbe bestritten. Mein Studienkollege Valère Burnon allerdings schon und dazu sehr erfolgreich. Wir möchten heute darüber schreiben wie er das geschafft hat, um dir ein bisschen Inspiration und Ideen für deine Wettbewerbsvorbereitung mitzugeben.

Valère Burnon ist 21 Jahre alt und kommt aus Marche-en-Famenne (Belgien). Er hat seinen erstes Studium 2018 im Sommer am Konservatorium von Lüttich abgeschlossen, wo er bei Marie-Paule Cornia, Jean Schils, François Thiry und Étienne Rappe studiert hat. Seit dem Wintersemester 2018/2019 studiert er „Master of Music“ in der Klasse von Prof. Dr. Florence Millet, an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.

Valère hat solistisch mehrere Wettbewerbe im Ausland gewonnen u.a.:

  • 2015, den 3. Preis ex-aequo beim Internationalen Klavierwettbewerb in Brest (Frankreich) in der „Chopin“ Kategorie
  • 2017, bei den internationalen Klavierwettbewerben „Merci, Maestro !“ und „Triomphe de l’art“ in Brüssel, den 3. und 2. Preis
  • 2019, den 1. Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb in Épinal (Frankreich)

Da ich im nächsten Jahr einen Wettbewerb mit ihm gemeinsam spielen werde, haben wir uns zusammengesetzt um über die Planung und Vorbereitung zu sprechen. Da kamen wir auf die Idee, dir den Inhalt dieses Gesprächs strukturiert zur Verfügung zu stellen. Es folgt ein Überblick, über seine Sicht auf die Wettbewerbsvorbereitung, besonders für große Wettbewerbe mit mehreren Runden. (Alle Zitate stammen von Valère.)

Die Wettbewerbsvorbereitung besteht aus 4 Phasen.

  1. Planung und Festlegung des Wettbewerbsprogramms
  2. Technische Übephase
  3. Bühnenerfahrung und Routine mit allen Werken
  4. Wettbewerbsphase

„Es ist gut einen Plan zu machen aber ist noch besser, wenn du es auch machst!“

Die erste Phase besteht aus der Planung des Programms und der Anmeldung zum Wettbewerb. Es gibt Wettbewerbe, da gibt es engere Vorgaben und Wettbewerbe, bei denen du sehr frei in der Auswahl bist. Egal welcher Fall für dich zutrifft:

„Ein gutes Programm hilft immer!“

Die Balance zu finden, zwischen Standard Werken und unbekannteren Werken ist nicht so leicht, aber mit Hilfe deines/deiner Hauptfachlehrers/in auf jeden Fall machbar. Ein originelles Programm sorgt vor allem dafür, dass du bei der Jury im Gedächtnis bleibst. Unter Umständen spielen in der ersten Runde 60-70 Leute, da ist es hilfreich nicht die 50. Sonate von Komponist XY zu sein, die wirklich jeder spielt. Das kommt immer auf das Instrument und den Wettbewerb an. Der Fall ist natürlich nicht gegeben, wenn es Pflichtstücke gibt oder gar einer erste Runde mit Videoaufnahme.

Sehr sinnvoll und effektiv ist es, wenn du möglichst viele Werke ins Programm nimmst, die du schon kennst und aufgeführt hast. Bei einem Wettbewerb mit 3-4 Runden kommen schon mal 180-240 Minuten Musik zusammen, wenn du jedes Werk neu lernen musst, ist die Vorbereitungszeit sehr lang. Und da kommen wir gleich zum nächsten Tipp:

So früh wie möglich das Programm festlegen, im Idealfall lange vor der Anmeldung. Es kommt natürlich ganz auf die Organisation eines Wettbewerbs an, aber normalerweise hat man den Anmeldeschluss viele Monate bevor der Wettbewerb stattfindet. 6-8 Monate Vorbereitungszeit kannst du da schon einplanen, um entspannt am Ziel anzukommen. Ein Programm sollte vor allem immer möglichst viele Parameter bedienen, wie z.B. Technik, Klang, Stilvielfalt, Musikalität, ggf. Kammermusikalische Fähigkeiten etc.

„Deine erste Runde muss immer am Besten vorbereitet sein“

Natürlich sind die anderen Runden nicht weniger wichtig. Allerdings musst du dich, wie oben beschrieben, in der ersten Runde gegen wesentlich mehr Mitbewerber durchsetzen und überzeugen, als in den folgenden Runden. Selbstverständlich gilt auch in so einer Situation: Der erste Eindruck zählt! Manchmal ist dieser Moment nicht mal 10 Minuten lang, obwohl du ein 40 Minütiges Programm für die erste Runde vorbereitet hast.

„Umso weniger Zeit du hast, desto langsamer musst du üben!“

In der zweiten Phase kommen wir zu dem Teil der Vorbereitung, der uns allen vertraut ist: Üben!

Bei einer solchen Masse an Werken kommt man um einen Übeplan kaum herum. Valère hat mir erzählt, dass er den Übeplan für einen Wettbewerb folgendermaßen aufschreibt:

  • Alle Werke mit einer Übezeit pro Tag notieren (1-2 Stunden pro Werk, je nach Länge und Schwierigkeit)
  • Diese Zeiten zusammenrechnen. Er kam für seinen letzten Wettbewerb auf 17 Stunden, was selbstverständlich nicht jeden Tag möglich ist
  • Überlegen wie viele Stunden man am Tag ca. zur Verfügung hat und ein Übeloop erstellen: Tag A, Tag B, Tag C…
  • Eine bestimmte Einheit festlegen, in der man die sehr schweren Stellen (aus allen Werken) übt, um sie täglich zu trainieren
  • Pausentage mit einplanen und sich nicht verrückt machen, denn wenn du früh genug anfängst hast du auch keinen Stress!

Valère hatte noch ein paar Tipps zum Üben, die ich dir nicht vorenthalten möchte:

  • Beim Üben immer positiv bleiben, nicht ärgern oder stressen lassen
  • Teil-Ziele setzen und diese in Etappen bis zum Wettbewerb erarbeiten
  • Das Üben für einen Wettbewerb unterscheidet sich nicht vom Üben für ein Konzert, es ist zielgerichtet
  • Selbstkritisch und Anspruchsvoll mit sich selbst sein, aber nicht mit der Brechstange!
  • Bei all dem Perfektionismus immer bedenken: Du wirst im Wettbewerb auch Fehler machen und das ist völlig ok!
  • Meisterkurse machen als Intensive Vorbereitung und um andere Meinungen zu deinem Spiel von Dozenten zu erhalten
  • Spezialisten suchen für bestimmte Werke oder Komponisten und bei ihnen Unterricht nehmen
  • Gute Notenausgaben sind sehr wichtig und empfehlenswert
  • In der Übephase keine 10 Stunden jeden Tag, das bringt nichts!
  • Sich Aufnehmen (Video und/oder Audio) – anhören – reflektieren

„Es ist gut sich aufzunehmen, aber besser es auch anzuhören!“

Die 3. Phase, in der du dein Programm komplett beherrscht sollte nach Möglichkeit 4-6 Wochen vor dem Wettbewerb beginnen. In dieser Zeit kannst du interne Vorspiele machen, deine Werke auf verschiedenen Konzerten aufführen. Am besten hast du schon im Voraus geplant, wann du welche Werke aus deinem Programm vorspielst.

 „Du musst auf jeden Fall dein komplettes Programm vor Publikum vorgespielt haben, bevor du damit auf die Bühne des Wettbewerbs gehst!“

Während dieser Phase ist es gleichzeitig wichtig, deine eigene Interpretation zu festigen. Es gibt nicht nur eine Möglichkeit ein bestimmtes Werk zu spielen, sondern so viele wie es Musiker gibt. Bleib dabei authentisch und bei all dem Input von Dozenten finde deinen einen Weg.

„Wettbewerbe sind sehr subjektiv“

Habe immer im Hinterkopf, dass die Jurymitglieder auch nur Menschen sind. Solltest du die zweite Runde nicht erreichen, bedeutet es nicht das du eine/r schlechte/r Musiker/in bist! Es kann einfach sein, dass die Art wie du spielst und Musik interpretierst nicht dem entspricht, was ein Großteil der Jury persönlich mag.

„Der Weg ist das Ziel und vergiss nicht Spaß auf der Bühne zu haben und es zu genießen!“

Die letzte Phase, der Wettbewerb selbst, beginnt mit dem Weg dorthin. Je nach Wettbewerb, kann er insgesamt mit Anreise und Abreise 8-14 Tage dauern. In dieser Zeit solltest du nicht mehr viel Üben am Tag.

Für den Wettbewerb selbst hat Valère ein paar Tipps zusammengestellt:

  1. Nicht über die Preise nachdenken! Es geht um die Werke, die man vorbereitet hat und die Erfahrung die man dort sammelt.
  2. Umso öfter du dein Programm vorher vorgespielt hast, desto ruhiger bist du im Wettbewerb.
  3. Denke immer an die Musik und nicht an die Jurymitglieder
  4. Den anderen Wettbewerbsteilnehmern nicht zuhören!
  5. Gut schlafen zur Regeneration.
  6. Gesunde Ernährung und Zucker vor dem Auftritt (z.B. eine Banane)
  7. Zwischendurch Luft holen und spazieren gehen!
  8. In der Woche des Wettbewerbs nicht mehr viel Üben!
  9. Es gibt Konzertmöglichkeiten und Kontakte nach Wettbewerben, auch für die Teilnehmer, die keine Preise holen
  10. Ruhig bleiben, Spaß haben, Musik machen und genießen!

Wir wünschen dir jetzt viel Spaß und Erfolg bei der Vorbereitung und Planung des Wettbewerbs. Falls du jetzt Lust bekommen hast einen zu machen, dann geh mal auf die Suche oder frag deine/n Professor/in.

Saskia und Valère

Ein Kommentar zu “Wettbewerbsvorbereitung

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