Diesen Artikel möchte ich eigentlich schon seit Wochen schreiben und nun, während ich das tue ist die Erkenntnis von der ich dir berichten möchte schon wieder gereift und hat sich weiterentwickelt.

Hier war es wieder etwas ruhiger in den letzten Monaten, in meinem Leben natürlich nicht und ich habe im Juni eine sehr wichtige Erkenntnis gehabt: Dann nicht.

An der Stelle möchte ich ein bisschen erläutern, was ich genau damit meine, denn es ist keine „Dann halt nicht“-Ego-Getanze, ein beleidigt sein und schmollen „Dann nicht“, sondern ein Gefühl von Akzeptanz und Neutralität zu einer Sache, einer Situation oder einer Erfahrung, die ich nicht kontrollieren oder rückwirkend natürlich auch nicht mehr ändern kann.

Die Fragen, die ich mir oft gestellt habe in der Zeit war: Habe ich da jetzt irgendeinen Einfluss drauf? Wo liegt hier meine Verantwortung und was davon ist nicht meine Verantwortung? Was bringt es mir jetzt, mich über diese Thematik oder diese Situation im Kreis und mich im Gedankenkarussell schwindelig zu drehen?

Es macht überhaupt keinen Sinn sich über etwas zu ärgern, das sagt ein Vollblut Widder, und übermäßig viel Energie in etwas zu stecken, was du nicht mehr verändern kannst oder was nicht in deiner Macht steht. Das verbraucht vor allem Energie und selbst für einen Menschen wie mich, der sehr viel davon zur Verfügung hat, möchte die Energie für etwas nutzen, was einen weiterbringt. An der Stelle ist es auch egal, ob du dich jetzt über dich ärgerst oder genervt bist von dir selbst oder dich andere Menschen oder eine bestimmte Situation ärgern oder frustrieren. Die Emotionen an sich, sind nicht das Problem, die kannst du ein mal durchfliessen lassen und dann ist gut. Emotionen, die in diesem Moment hoch kommen, brauchen in der Regel ca. 15-30 Sekunden und dann ist die Energie durch. Kleiner Reminder: Emotion = Energy in Motion. Energie in Bewegung. Dafür dürfen wir sie auch in Bewegung bringen!

Das durfte ich vermehrt in der letzten Zeit für mich verkörpern und umsetzen. Die Emotionen und Empfindungen nicht wegzudrücken, sondern ihnen Raum geben und dann auch gut sein lassen. Sich dann bewusst zu machen: Dann nicht. Dann passiert es halt nicht, was ich mir vorgestellt habe. Dann reagiert die Person halt anders, als ich es erwartet habe. Dann darf ich in diesem Moment eine Lösung für mich finden und mich um mich und meine Bedürfnisse kümmern – denn da ist sonst niemand für verantwortlich!

Diese neutrale Sicht auf Situationen oder Verbindungen zu behalten und mal die Bewertungen und Interpretationen rauszunehmen ist eine Übung, die ich dir nur sehr ans Herz legen kann. Mit Enttäuschung und Frustration umzugehen ist etwas, was viele von uns nicht gelernt haben, was nicht bedeutet, dass der Zug dann abgefahren ist.

Eine Ent-täuschung zeigt dir nur klar, was du dir eigentlich erhofft oder gewünscht hast in einer Situation und wenn es dann nicht so läuft, sehen wir zum einen klar, was wir eigentlich wollen und zum anderen, dass wir die Reaktionen und Handlungen von Menschen nicht beeinflussen können.

Dabei habe ich auch wieder erfahren dürfen, dass die Emotionen eben nicht das Problem sind, sondern dass viele von uns keine Strategien und Tools haben, um die zu kanalysieren oder sicher durchfließen zu lassen. Wir drücken dann gerne mal was weg und tun so, als würde es uns kalt lassen, nur um dann Tage oder Wochen später zu merken: Ne, ist halt nicht weg, hat sich nur verlagert im System und kommt bei der nächsten Gelegenheit hoch und nimmt Raum ein.

Dieses Gefühl von Neutralität in einer Erfahrung und diesem „Dann nicht“ kann nur entstehen, wenn ich den dazugehörigen Emotionen und Gedanken vorher Raum gegeben habe.

Was macht das mit dir?

Wo in deinem Körper kannst du das fühlen?

Welche Gedanken gehen dir jetzt durch den Kopf?

Und jetzt kommt die Herausforderung: Das Ganze zu beobachten und eben nicht zu bewerten, nicht mitzugehen in den Gedanken darüber, dass du „mal wieder nicht gut genug bist“ oder „es mal wieder verkackt hast“, sondern die wahrzunehmen und wie in einer inneren Parade an dir vorbeiziehen zu lassen. In der Regel hat das was da in dir passiert gar nichts mit der aktuellen Situation oder dem Menschen vor dir zu tun.

Ich weiß, dass ist nicht ganz einfach, gerade wenn du das noch nicht oft praktiziert hast. Du bist nicht deine Gedanken und du bist auch nicht deine Gefühle. Du hast Gedanken und du hast Gefühle und daher sind wir auch in der Lage bewusst wahrzunehmen was uns beschäftigt oder was wir für Gedanken im Kopf haben, ohne uns direkt mitziehen zu lassen.

Ich habe in den letzten Monaten einiges für mich prozessiert und mehr als ein mal Momente gehabt, in denen ich dachte: „Dein fuc*ing Ernst?! Das habe ich doch schon durch, warum taucht das noch mal auf?“ Dann in den Zustand von „Dann nicht“ zu kommen, war auch für mich immer wieder herausfordernd und ich praktiziere viele Tools und Routinen für mich, um mich dem was da in mir passiert zu stellen. Es ist vollkommen okay, denn Muster und Reaktionsmechanismen, die über Jahrzehnte im System verankert sind, lösen sich nicht über Nacht. Schicht für Schicht können wir das lösen und immer mehr gehen lassen.

Ich möchte dir nun eine Übung mitgeben, die du gerne für dich ausprobieren kannst, du benötigst dafür einen Zettel und einen Stift. Wer meinen Artikel über das Brain Dump gelesen hat, wird jetzt das ein oder andere wieder erkennen. Es handelt sich um eine Freewriting Technik bzw. eine Journaling Methode:

  • Du machst es dir gemütlich, mach dir Musik an, mach dir was leckeres zu Trinken, was du eben brauchst um dir ein gutes Gefühl zu geben
  • Spüre in dich hinein und stelle dir die Frage: Wie fühle ich mich gerade? Alles was jetzt gerade in dir gehört werden möchte, wirklich alles, schreib auf. In Stichpunkten, in ganzen Sätzen, egal, Hauptsache in Worten. Manchen hilft es auch zu zeichnen oder zu malen, auch das geht.
  • Wenn du dir Raum gegeben hast für das was gerade ist, stelle dir die Frage: Was brauche ich gerade? Auch hier, gib dir einen Moment und schreibe alles auf, was gerade in dir hoch kommt. Bedürfnisse wie „Nahrung, Wasser, Ruhe, Austausch“ wenn du Hilfe beim formulieren brauchst schau mal hier in dem Artikel rein.
  • Wenn du dir auch dafür Raum gegeben hast, ist da möglicherweise mehr Kapazität für die aktuelle Situation, die dich gerade beschäftigt. Eine Erfahrung, ein Konflikt, eine Beziehungsthematik oder ein beruflicher Aspekt. Nun gehe in diese Situation rein, egal, ob sie in der Vergangenheit liegt oder in der Zukunft. Stelle dir das genau vor.
  • Wenn es in der Vergangenheit liegt, schreibe dir alles auf, was dich daran beschäftigt oder gestört hat. Was hättest du in der Situation eigentlich gebraucht? Wie hast du dich gefühlt? Welche Gedanken machst du dir seither darüber? Welche Glaubenssätze hat das ggf. an die Oberfläche geholt? Schreibe dir auch hier alles auf, sodass du dir das durchlesen und bewusst machen kannst. Gerade wenn wir sowas durch die Hand gehen lassen, verarbeitest du es bereits zu einem gewissen Grad und du kannst dir in Ruhe klar machen was eigentlich los war.
  • Wenn es in der Zukunft liegt, stelle dir die Frage: Was brauche ich in der Situation? Wie möchte ich mich fühlen? Was ist das absolute Best Case Szenario? Wovor habe ich Angst oder mache ich mir Sorgen? Auch hier schreibe alles auf und lese es dir im Anschluss durch.
  • Beobachte was das in dir auslöst diese Worte, diese Sätze zu lesen, lasse alles zu und übe dich darin das nicht zu bewerten oder zu hinterfragen oder zu analysieren, sondern einfach so anzunehmen wie das jetzt gerade ist. So fühlst du dich jetzt. Das brauchst du jetzt. Das beschäftigt dich gerade. Das ist alles okay und nichts davon musst du wegdrücken.
  • Du kannst jetzt entweder diese(n) Zettel aufbewahren, um sie noch mal zu lesen oder und das kann ich besonders empfehlen, diesen Zettel verbrennen oder zerknüllen und wegzuwerfen. Und zwar nicht, weil das nicht wertvoll wäre, was du da aufgeschrieben hast, sondern weil es eine Momentaufnahme ist. Manchmal ist es gut, das aufzuheben und manchmal ist es besser es loszulassen, gerade wenn es um vergangene Situationen und Konflikte geht.

Probiere es aus. Praktiziere das gerne regelmäßig, ein mal die Woche oder wenn du möchtest noch öfter und beobachte, was das mit dir macht. So wie du dein Instrument übst oder deine Stimme kannst du auch üben zu beobachten, üben wahrzunehmen, üben anzunehmen was ist und eine gewisse Neutralität entstehen zu lassen, wenn du dir bewusst machst: Kann ich jetzt nicht mehr ändern, liegt nicht in meiner Macht, liegt nicht in meiner Verantwortung oder eben dort liegt meine Verantwortung, das liegt in meiner Macht oder das kann ich zukünftig verändern.

„Dann nicht“ sind für mich nicht nur zwei Worte. „Dann nicht“ ist für mich eine Einstellung, ein Gefühl, eine gewisse Ruhe und Gelassenheit und vor allem eins: Vertrauen darauf, dass alles so kommt, wie es kommen soll und ich nicht alles kontrollieren kann.

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