„Ich habe einfach keine Zeit!“

Diesen Satz höre ich sehr oft und habe ihn früher auch immer gekonnt von mir gegeben – bis mir etwas klar geworden ist:

Das ist eine Lüge, die wir uns selbst und anderen gerne erzählen!

Fakt ist, wir haben alle 24 Stunden. Jeder Mensch auf dieser Welt hat immer nur 24 Stunden pro Tag. 

Fakt ist, Zeit kann man nicht besitzen und in seine Tasche stecken. 

Fakt ist, dieser Satz wird meistens als Ausrede benutzt, um etwas nicht tun zu müssen, oder zu können, aber auch um sich zu rechtfertigen, etwas nicht getan zu haben. 

Bevor ich hier jetzt die ein oder andere Anekdote zur Unterhaltung preisgebe, noch ein Hinweis: Zeit kann man auch nicht einteilen. Das Wort Zeitmanagement ist leider irreführend, da es suggeriert, wir könnten Zeit managen. Wir managen aber nicht die Zeit selbst, sondern die Aufgaben und Termine, die wir innerhalb einer bestimmten Zeit haben. In meinem ersten Artikel auf diesem Blog habe ich bereits über diese Formulierungsproblematik geschrieben: https://managemusik.com/2019/09/12/example-post/ 

Was steckt eigentlich hinter diesem Satz? 

Ich nehme dich mal in eine Situation mit – eine ganz typische Situation im Studium, an einer Musikhochschule. 

Es ist Mitte des Semesters. Ich sitze in der Bibliothek der Hochschule, da ich dort seit einigen Jahren studentische Hilfskraft bin. Es kommt ein Studierender relativ panisch bzw. schwer atmend reingelaufen (das schwer atmend, könnte sich natürlich auch auf den Berg beziehen, den man hier in Wuppertal immer erklimmen muss). Der Studierende legt mir ein Zettel auf den Tresen, den ich nur zu gut kenne: die Literaturliste unseres Musikwissenschaftsprofessors. 

Es ertönt folgender Satz: „Saskia kannst du mir helfen? Ich brauche ein paar Bücher für das Referat in Musikwissenschaft. Ich habe schon angekreuzt, welche ich brauche. Wie finde ich die denn hier in der Bibliothek? Haben wir die überhaupt da?“.

Ich antworte mit ruhiger Stimme, er oder sie solle sich erst mal beruhigen, ich schaue mir das mal an und gehe in unseren Online-Katalog. Ich suche dort die Bücher raus und überprüfe, ob wir sie haben oder wir sie ggf. aus Köln bestellen müssen. Eins der vier Bücher ist gerade entliehen, der Rest ist da. Ich freue mich, dass ich dem Studierenden helfen konnte und suche die Bücher raus. Es kommt zu folgendem Dialog:

Studierende: „Ok vielen Dank! Das ist ja blöd, dass das eine Buch entliehen ist. Ich hoffe, das ist nicht zu wichtig. Ich muss mich nämlich etwas beeilen!“. Ich frage und ahne schon die Antwort: „Oh, wann musst du denn das Referat halten?“. Studierende: „Übermorgen“

Ja, was soll ich dazu sagen, diesem kurzen Dialog folgt ein Gespräch über das Thema des Referats, mit dem sich der Studierende quasi heute zum ersten Mal beschäftigt und die Umstände, warum er oder sie erst heute mit dem Referat beginnt. Irgendwann fällt er, der berühmte Satz:

„Ich hatte einfach keine Zeit!“ 

Was ist hier passiert und warum ist das eine Lüge, die sich Studierende bevorzugt selbst erzählen?

Wir gehen dem Satz einmal etwas näher auf den Grund, die Fakten über die Zeit, habe ich oben ja bereits ausgeführt. Zeit kann man nicht managen, aber die Aufgaben und Termine innerhalb der Zeit schon. Aufgabe für den Studierenden war es ein Referat, inkl. PowerPoint und Handout, zu einem musikwissenschaftlichen Thema, zu entwerfen. Diese Aufgabe wird in der ersten Stunde, zu Beginn des Semesters, gestellt.

Zeit für diese Aufgabe hatte er oder sie effektiv ca. 4-6 Wochen. Gehen wir mal von 4 Wochen aus – das sind 28 Tage oder 672 Stunden. Das ist eine Menge an Zeit! Wenn wir mal die Zeit abziehen, die wir im Durchschnitt schlafen (also acht Stunden) bleiben noch 448 Stunden übrig. Zeit war also mehr als genug da! 

Was aber hat gefehlt?

  1. Eine Vorstellung davon, wie viel Zeit man wirklich in das Referat investieren muss – aus meiner Erfahrung sind das ca. 8-12 Stunden, je nachdem, wie lange das Referat sein muss und wie viel Stoff vorher verarbeitet werden muss. 
  2. Ein Plan, wann ich allerspätestens anfangen sollte, mich auf das Referat vorzubereiten. 
  3. Das Ziel ‚Referat‘ in kleinere Ziele bzw. Aufgaben zu unterteilen.
  4. Die Aufgabe(n) zur Priorität zu machen.

Und da haben wir das Kernproblem. 

Wenn du sagst: „Ich habe keine Zeit“, dann ist der Subtext: „Es ist nicht meine Priorität“. Wir haben nicht Zeit zu wenig, sondern wir setzen uns bestimmte Aufgaben oder Termine nicht als Priorität! Noch ein wichtiger Hinweis: wir können nicht Prioritäten zur selben Zeit haben – die Mehrzahl ist hier leider eine ähnliche Lüge, wie der Satz in der Überschrift. Wir können immer nur eine Priorität haben, innerhalb einer bestimmten Zeit.

Ein Beispiel aus meinem Leben:

Ich studiere, wie mittlerweile viele Leser/innen wissen, zwei Hauptfächer gleichzeitig – Querflöte und Klavier. Ich kann ja nicht beides zur selben Zeit üben. Ich kann aber Übe-Hopping (das Wort habe ich mir tatsächlich grade ausgedacht) betreiben, sprich, innerhalb von zwei Zeitstunden beide Instrumente im Wechsel üben oder eben nacheinander. Erst das eine, dann das andere. 

Größer gedacht, ich kann mich nicht auf zwei Konzerte innerhalb einer Woche, mit beiden Instrumenten vorbereiten. Ich habe hier zwei Möglichkeiten: 

  1. Ich verlängere die Vorbereitungszeit, sodass innerhalb der einen Woche nur noch Details gefeilt werden.
  2. Ich lasse es!

Während meinen Übesessions habe ich immer eine bestimmte Priorität in dem einen Moment. Nicht nur das Instrument an sich, sondern auch inhaltlich. Ich kann nicht zwei Dinge gleichzeitig machen. Auch wenn einige böse Zungen behaupten, Frauen könnten Multitasking – ich muss die Zungen leider enttäuschen. Aus der Neurobiologie ist die Nachricht ganz klar: Das Gehirn, kann sich nur auf eine Sache gleichzeitig konzentrieren! (auch bei Frauen!).

Wenn Menschen mich also fragen, wie ich es schaffe, zwei Studiengänge und Job unter einen Hut zu bekommen, ist die Antwort simpel: durch Prioritäten setzen und z.T. langen Vorbereitungszeiten und Planen. 

Wenn Studierende also ein Referat oder eine Hausarbeit im allerletzten Moment anfangen, ist da meist kein böser Wille dahinter, sondern Unsicherheit und ein schlechtes Gewissen, welches immer größer wird. Sie prokrastinieren bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie merken „Scheiße, jetzt muss ich anfangen!“.

Es folgt Stress, durchgemachte Nächte und das Referat hält man dann mit drei Liter Kaffee intus und ist danach völlig am Arsch! Im Endeffekt war das Referat einfach nie Priorität. Priorität war: 

  • Üben (nur zu verständlich) 
  • Hauptfachunterricht
  • Freunde treffen 
  • Hobby’s 
  • Fächer, die einen vielleicht mehr interessieren 
  • Netflix, YouTube, Social Media 
  • Das Date, worauf man sich so lange gefreut und vorbereitet hat
  • Füge hier ein, was auch immer bei dir grade Thema ist… 

Das ist vollkommen ok! Ich möchte hier noch mal betonen, dass ich mich darüber nicht lustig machen möchte oder den Guru mit dem erhobenen Zeigefinger geben will. Ich war selbst so und rutsche manchmal wieder in dieses Denken ab, bei dem ich mir erzähle, ich hätte für dies und jenes ja keine Zeit…

Was ich mit diesem Artikel bezwecken will? 

Hör auf dir zu erzählen, du hättest für irgendwas keine Zeit. Das ist Bullshit! Zeit ist genug da, die Frage ist, was du zu deiner Priorität machst. Wenn du gerade frei hast und Semesterferien und deine Priorität ist es, die 10. Staffel Modern Family an einem Tag durchzusuchten – hammergeil, viel Spaß! 

Wenn du allerdings noch drei Hausarbeiten auf der Uhr hast und ein gemeinsames Projekt, an dem noch andere arbeiten, dann überlege dir, was gerade Priorität hat und schau vielleicht nur eine oder zwei Folgen am Tag und den Rest arbeitest du produktiv, über einen längeren Zeitraum. Jeden Tag ein bisschen und ein Schritt nach dem anderen. 

Dieses sogenannte ‚Bingewatching‘ von Serien ist mittlerweile auch in unseren Arbeitsmodus übergegangen. Wir ‚bingewatchen‘ Netflix und dann ‚bingewatchen‘ wir das Referat in 24 Stunden. Das ist leider überhaupt nicht gesund und effektiv. Es führt zu Stress, genervten Dozenten, genervten Studienkollegen und einem schlechten Gefühl, man sei zu dumm oder zu unorganisiert, um sowas zu schaffen. 

Ein paar Tipps für dich, die du heute noch umsetzen kannst:

  1. Schau mal in deinen Kalender und überlege dir, was gerade Priorität hat: das Studium? Deine Freizeit? Deine Freunde? Dein Job? Zeit für dich?
  2. Frage dich, ob das so in deinem Sinne ist oder ob du momentan Zeit für Dinge investierst, die dich in deiner Priorität leider gar nicht weiterbringen. Z.B. Fünf Stunden durch Social Media zu scrollen.
  3. Entlarve deine Zeitfresser, die Dinge, die dich viel Zeit kosten, aber nicht viel bringen.
  4. Schreibe dir auf deine To-Do-Liste für heute nur eine Aufgabe – die eine Aufgabe, die heute Priorität hat!

Abschließend bleibt zu sagen, dass jedes Mal, wenn wir uns erzählen wollen, wir hätten für irgendwas keine Zeit – für Sport, für gesunde Ernährung, für mehr Zeit mit Freunden, für Zeit mit uns selbst, für ein weiteres interessantes Projekt – immer ein bestimmter Teil in unserem Gehirn nicht möchte, dass wir etwas verändern. Der mag das nämlich nicht, sich zu verändern. Wenn sich also etwas in dir sträubt beim Lesen dieses Artikels, sieh es als Herausforderung, und wenn du das nächste Mal den Satz sagst oder denkst, dann frage dich kurz: „Was ist gerade meine Priorität und ist das auch meine Priorität oder die eines anderen?“

Lass deine fehlende Selbstreflexion nicht an der Zeit aus. Sie kann nichts dafür, sie ist einfach da und wir können sie auch sinnvoll für uns nutzen. Aber sie immer als den Miesepeter hinzustellen, ist nicht fair und auch nicht zielführend. 

Ich revidiere also den Satz in der Überschrift:

„Es ist nicht meine Priorität!“ 

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