Erfolg bei Probespielen

Foto: Tilman Harmeling

„Du kannst dein bestes Probespiel spielen und trotzdem nicht genommen werden!“

Hanna Rzepka

Heute kommt endlich der zweite Teil des Interviews mit Hanna. Ich dachte, ich hätte in der Corona Krise mehr Zeit – ist aber leider nicht so. Dazu kommt dann demnächst auch ein Artikel.

Im letzten Artikel ging es um die Vorbereitung für ein Probespiel. Er endete mit der mentalen Vorbereitung und den letzten Tagen vor dem Probespiel. Ich möchte direkt dort anknüpfen.

5.Schritt: Die Anreise zum Probespiel und was nimmt man mit?

Hanna hat mit über 30 Probespielen so einige Zugfahrten, Flüge, Busreisen und Autofahrten hinter sich und konnte mir hilfreiche Tipps geben:

  • Übernachtung oder nicht? – Wenn der Ort des Probespiels zu weit weg ist, empfiehlt sich eine Übernachtung (evtl. aus Kostengründen auch bei Bekannten/Freunden). Dann startest du am Tag des Probespiels sehr viel entspannter in den Tag, als wenn du früh morgens um 4 oder 5 Uhr losfährst.
  • Wenn du dir einen Zug am Tag des Probespiels buchst, plane ausreichend Pufferzeit ein. Wir alle kennen die Bahn! Und selbst wenn du mit dem Auto fährst, rechne mit Stau. Hanna hat bei ihren vergangenen Probespielen eingeplant mindestens eine Stunde vorher am Probespielort anzukommen.
  • Vorher schauen, wo genau du hin musst!
  • Ablenkung für die Fahrt mitnehmen, ein Buch, eine Zeitschrift oder auch Netflix. Hanna empfiehlt nicht zu schlafen, wenn man am selben Tag fährt. Sie hat die Erfahrung gemacht völlig gerädert anzukommen und sich nicht richtig konzentrieren zu können.
  • Für die Rückfahrt empfiehlt sich auf jeden Fall ein Flexticket (bei der Bahn) zu buchen. Du weißt nie, wie lange es dauert oder wie weit du kommst! Stress wegen des Zuges oder des Busses solltest du nun wirklich nicht bekommen!
  • Als Tipp (wusste ich auch nicht): Der DOV (Deutscher Orchester Verband) unterstützt seine Mitglieder bei Probespielen mit Reisekosten, Übernachtungskosten und Tagesgeld. Schau ebenso bei der GVL und der KSK, solltest du da bereits Mitglied/versichert sein, schaut mal nach Unterstützung!
  • Vergiss nicht die Noten für den Korrepetitor mitzunehmen!
  • Jetzt kommt typischer Girlstalk…Kleidung. Man muss nicht in Konzertkleidung oder in schwarz zum Probespiel kommen. Wichtig ist, dass du dich wohlfühlst und es vielleicht nicht gerade der Jogginganzug ist, aber eben auch nicht das Abendkleid ist. Mit flachen Schuhen hast du guten Kontakt zum Boden, ich denke das ist nicht nur bei Flötisten/innen wichtig! Stell dir vor, wie du zu einem Vorstellungsgespräch gehen würdest. Ein Probespiel ist nichts anderes.
  • Nimm dir Verpflegung mit! So ein Probespiel kann schon mal 4-6 Stunden gehen, inkl. Hin- und Rückfahrt!

Dazu eine kleine Anekdote von meinem ersten Probespiel. Ich spielte für eine Akademiestelle vor – mit einer Freundin und Studienkollegin, die es am Ende auch gewann. Wir hatten keine lange Anreise, da das Orchester hier in NRW war. Wir frühstückten ausgiebig bei mir, sie hatte bei mir übernachtet, es war unser beider erstes Probespiel in unserer Studienzeit. Wir nahmen uns Wasser und jeder zwei Bananen mit und gingen fest davon aus nach der ersten Runde rauszufliegen und dann war der Plan Sushi essen zu gehen…

…nachdem wir dann alle die ersten Runde gespielt hatten und es schon gute 2 Stunden dauerte, bei gerade mal knapp über 20 Bewerbern, wurden die Nummern genannt, die es in die zweiten Runde geschafft hatten. Zu unserer Überraschung waren wir beide weiter. Wir hatten unsere Bananen bereits aufgefuttert und es gab ein bisschen Schokolade vom Orchester, was natürlich sehr nett ist, aber als Flötistinnen gibt es bessere Nahrungsmittel als Schokolade vor dem Spielen. Nachdem ich nach der zweiten Runde draussen war, aber natürlich auf meine Freundin warten wollte, mitgefiebert und sie seelisch unterstützt hatte, waren wir insgesamt fast 5 Stunden dort (inkl. Einspielzeit). Ich kann dir sagen, mein Magen hing auf halb 8 und hätte ich selbst noch weiter spielen müssen nach der zweiten Runde, wäre ich vermutlich zusammengeklappt! Also: nehmt euch lieber zu viel mit, kann man ja abends zu Hause noch essen!

6. Schritt: Die Stunde davor…

Du bist jetzt dort, kannst dich einspielen und dich akklimatisieren. Auch hier ein paar Ideen/Inspirationen von Hanna, wie sie sich kurz vor dem Probespiel vorbereitet:

  • Einspielen. Klar, auf jedem Instrument sind da andere Parameter wichtig, aber eins fanden wir beide sehr wichtig: Einspielen! Nicht üben! Ein routiniertes Einspielprogramm, welches du sonst auch vor dem Üben machst, ist am Besten. Sprich darüber gerne mal mit deinem/r Professor/in!
  • Wenn möglich schau dir den Raum an, in dem du spielen wirst. Manche Orchester bieten sogar an, sich dort ein paar Minuten mit dem Instrument aufzuhalten, um die Raumakustik kennenzulernen. Vielleicht kannst du sogar vorher den/die Korrepetitor/in kennenlernen.
  • Wenn gelost wurde und klar ist, wann du dran bist, dann spiele während der Wartezeit nicht viel auf deinem Instrument. Du kannst noch mal an die frische Luft gehen, oft ist man mehrere Stunden drinnen, da tut es sehr gut mal 10-15 Minuten, wenn möglich in der Sonne, Sauerstoff zu tanken. Kommuniziere mit anderen Teilnehmern, oft entstehen Freundschaften aus solchen gemeinsamen Ereignissen und meist trifft man altbekannte Gesichter.
  • Versuche auch trotz Kommunikation oder Ablenkung von aussen bei dir und im Fokus zu bleiben, zielgerichtet und entspannt. Die Mentaltechniken aus dem letzten Artikel sind natürlich auch sehr zu empfehlen während der Wartezeit!
  • Hanna empfiehlt sich eine Checkliste anzufertigen. Dort könnte stehen: ‚in positiven Gedanken bleiben‘ oder ‚Ich möchte mich gut präsentieren‘ oder ‚Ich möchte meine persönliche Bestleistung abrufen‘ oder ‚Ich bin fokussiert aber nicht verkrampft!‘
  • Den Begriff: „Flexible Spannung“ hat Hanna von ihrer Professorin in Weimar gelernt, ich finde ihn wirklich sehr passend und vermute du weißt, was damit gemeint ist.

7.Schritt: Das Vorspiel

Jetzt ist es soweit. Du hast dich wochenlang, vielleicht länger, darauf vorbereitet. Jetzt ist der Moment innerhalb weniger Minuten zu zeigen, was du alles kannst…

…tu dir den Gefallen und nimm den Druck raus. Die Erwartungen, die man an sich selbst stellt, können oft die größte Hürde sein. Natürlich gibst du dein Bestes, du bist ja nicht hingefahren, um jetzt scheiße zu spielen. Aber wenn das der Fall ist und du nicht deine Bestleistung zeigst, ist das auch kein Weltuntergang und kein Grund sich selbst zu geißeln und danach fertig zu machen! Man darf bei der ganzen Geschichte nicht vergessen, dass das Ergebnis des Probespiels wirklich absoluter Zufall ist. Du kannst deine beste Leistung zeigen und trotzdem nicht in die zweite Runde kommen. Oder du kommst weiter und sogar bis ins Finale und dann wird die Stelle nicht besetzt, ist Hanna und einigen meiner Studienkollegen jetzt schon mehr als einmal passiert!

Ob du in das Orchester passt, ob als Akademist/in, Praktikant/in oder fest, entscheidest nicht du. Es hängt auch nicht davon ab, wie gut du vorbereitet bist. Oder wie gut du gespielt hast. Es gehören zu so einer Entscheidung sehr viele Faktoren, die wir z.T. nicht mal bewusst wahrnehmen. Da darfst du auch den Symphathiefaktor nicht vergessen, also sei immer freundlich und es schadet auch nicht, die Orchestermitglieder (ab der zweiten Runde) zu begrüßen, wenn man reinkommt.

Ich habe selbst in einem Probespieltraining mal das Feedback bekommen, dass ich die einzige Teilnehmerin war, die beim Hochgehen und(!) beim Runtergehen gelächelt hat und das Gefühl vermittelt hat gerne gespielt zu haben. Das hat mich damals total irritiert, macht für mich heute aber Sinn!

Wenn du während des Spielens deinen Fokus darauf legst:

  • Spaß zu haben
  • Musik zu machen
  • Mit Energie zu spielen
  • Freundlich zu sein
  • Dich gut zu präsentieren
  • Dich wohlzufühlen

…dann hast du alles richtig gemacht. Das ist das Wichtigste. Wenn du mit dir selbst zufrieden bist, dann kann es dir scheiß egal sein, wie das Ergebnis ausfällt!

Für den Fall das du weiterkommst, ein wichtiger Hinweis von Hanna:

„Teile deine Kräfte gut ein, ein Probespiel ist ein Marathon, mental und physisch – du kannst trotzdem das Beste draus machen!“

Hanna Rzepka

Und unterschätze nicht, wie wichtig in der ersten Runde der Anfang deines Solokonzerts ist. Er entscheidet darüber, ob die die Orchestermitglieder zuhören, oder ob sie abschweifen. Nach 30 Mozartkonzerten ist das auch nur zu verständlich! Mein Professor hat damals mit mir über 90 Minuten an den ersten 4 Takten herumgedoktert, ich bin schier wahnsinnig geworden. Aber er hatte Recht! Jedes Mal wenn ich es jetzt spiele, sitzt der Anfang!

Die Stellen müssen natürlich funktionieren, da darfst du nichts dem Zufall überlassen. Aber in der Vorbereitung ist oft genug Zeit für die Stellen! Du musst meist nicht mehr als ein ca. 20-minütiges Programm vorbereiten. Stellen muss man nachts um 3 spielen können, wenn man dich wecken würde. Dann laufen sie garantiert im Probespiel, wenn deine mentale Einstellung stimmt und du vor Lampenfieber nicht von der Bühne kippst! Wie bereits gesagt, in dem Fall hol dir bitte Hilfe!

8.Schritt: Das Feedback und Selbstreflexion

Du hast gespielt. Du hast es hinter dir. Jeder kennt diesen Stein der einem vom Herzen fällt, wenn man gespielt hat. Je nach dem wie weit du gekommen bist, wirst du jetzt eine gewisse Regeneration brauchen! Bedenke das in deiner Planung und leg dir vielleicht nicht gerade ein Tag nach dem Probespiel ein Konzert!

Wenn du das Probespiel gewonnen hast! Geil – herzlichen Glückwunsch, lass es Krachen!

Wenn nicht, kommen hier ein paar Tipps von Hanna, die viele Niederlagen einstecken musste, bevor der erste Erfolg kam:

  • Kenne deine Motivation! Warum machst du das? Motivation lässt dich nach einer Niederlage wesentlich schneller wieder aufstehen, als wenn du ziel- und planlos durch die Gegen ziehst.
  • Ein schöner Satz, den ich einfach mal so stehen lasse: „Wenn man auf die Fresse fliegt, ist das auch ein Schritt nach vorne!“
  • Wenn du dir Feedback von den Orchestermitgliedern holen möchtest, tue das gerne. Oft kann man da im Nachhinein auch telefonisch oder per Mail nachfragen. Aber vergiss nicht, wenn es sich um stilistische oder klangspezifische Dinge handelt, bleib du selbst! Es kann passieren, dass du diesen Aspekt aus dem Feedback beim nächsten Probespiel umsetzt und die hätten es aber gerne so gehabt, wie du es vorher gespielt hast. Hat’s alles schon gegeben.
  • Wenn du weißt, woran es gelegen hat und du dich selbst (konstruktiv) reflektiert hast, dann arbeite an den ‚Schwächen‘. Vergiss dabei aber deine Stärken nicht!
  • Deine Frustrationstoleranz wird mit jeder Niederlage niedriger. Bleib am Ball!
  • Lass dich von Freunden, Familie, Studienkollegen und deinem/r Professor/in aufbauen. Und lass dich nicht zu sehr in ein Loch fallen! Es geht weiter. Es kommen noch mehr Chancen!
  • Man kann sich auch nach einer längeren Durststrecke mal eine Pause von Probespielen gönnen, sich weiterentwickeln und mit frischer Energie ins Rennen starten!
  • Mach dir deine bisherigen Erfolge bewusst, alles, was schon geklappt hat. Das gibt einem enorm Energie, um weiterzumachen!
  • Es gibt Glückspilze, die nach 3 Probespielen eine feste Stelle haben. Das ist aber absolut nicht die Norm! Hol dir jedoch gerne Tipps und Inspiration von denen, die bereits Erfolg hatten. So wie ich jetzt.
  • Bedenke immer, auch wenn die Stelle nicht besetzt wurde: wenn du dich gut präsentiert hast, kann es sehr gut sein, dass dich das Orchester mal für eine Aushilfe anruft. Hanna hat so schon einige Aushilfen bekommen! Also:

„Egal ob du gewinnst oder nicht, präsentiere dich immer gut!“

Hanna Rzepka

Ich hoffe dir hat dieser und der letzte Artikel bereits geholfen, dich in deiner Vorbereitung für kommende Probespiele zu wappnen. Aktuell findet natürlich nichts statt, weder Probespiele noch Konzerte. Das ist die beste Zeit zum Üben, an seinen Schwachstellen zu arbeiten. Wir haben jetzt sehr viel Zeit dafür! Nutze sie und mach dir dafür einen Plan. Stecke dir Ziele, auch wenn sie aktuell noch weit in der Ferne liegen, da niemand so genau weiß, wann das nächste Probespiel stattfinden wird!

Und vergiss nicht: du bist nicht alleine mit diesen Problemen bei Probespielen! Es geht uns allen so und man kann voneinander lernen.

Danke liebe Hanna für das Interview und das Teilen deiner Erfahrung und deines Wissens!

Bleibt gesund und teilt diesen Artikel gerne an Studierende, denen er helfen könnte!

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