Probespielvorbereitung

„Zu einem erfolgreichen Probespiel, gehört mehr als nur zu Üben!“

Saskia Worf

Heute widme ich mich einem Thema, das mich seit einiger Zeit sehr beschäftigt. Da ich mich selbst – nach gerade einmal vier Probespielen – nicht unbedingt als Expertin einstufen würde, habe ich eine gefragt, die es auf jeden Fall ist!

Foto: Tilman Harmeling

Hanna Rzepka, 27 Jahre jung, ist eine gute Freundin, die ich bereits seit 15 Jahren kenne. Wir waren gemeinsam Jungstudentinnen am PCK Mainz; zwar in unterschiedlichen Flötenklassen, aber durch Kammermusik und die gemeinsame Schulzeit an derselben (Mädchen-!)Schule freundschaftlich verbunden. Wir sind bei Jugend musiziert „gegeneinander“ angetreten und im selben Jahr Bundespreisträgerinnen geworden. Wir haben uns bereits in jungen Jahren jedoch nie als Konkurrentinnen wahr genommen, sondern uns immer den Erfolg gegönnt. Diese Verbindung schätze ich bis heute sehr!

Als mich Hanna vor ein paar Wochen anrief und mir erzählte, dass sie ein Probespiel für eine feste Stelle in Frankfurt (Oder) gewonnen hat, war ich total aus dem Häuschen und habe mich riesig für sie gefreut! Kurz danach kam auch schon die Idee auf, mit ihr ein Interview zu machen und ihr Wissen mit dir zu teilen. Dank Corona haben wir alle ja jetzt unglaublich viel Zeit und so konnten wir in aller Ruhe telefonieren. Das Ergebnis gibt es in diesem und im nächsten Artikel („Erfolg bei Probespielen“) zu lesen.

Um euch kurz die liebe Hanna in aller Kürze vorzustellen:

Hanna Rzepka ist Flötistin, studierte ihren ‚Bachelor of Music‘ in Weimar bei Prof. Wally Hase. Ein Erasmus Jahr absolvierte sie in der Akademia Muzyczna im Grażyny i Kiejstuta Bacewiczów w Łodzi (Polen) in der Klasse von Prof. Antoni Wierzbiński und ihren ‚Master of Music‘ ab 2017 in Graz bei Prof. Erwin Klambauer, den sie allerdings für eine Akademiestelle am Gewandhausorchester Leipzig 2018 unterbrach. Sie ist Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Yehudi Menuhin Stiftung „Live music now“. Hanna spielte über 30 Probespiele in ihrer Studienzeit und hat so einige Erfahrungen gesammelt, Erfolge und Niederlagen eingesteckt und gewann vor kurzem eine feste Stelle. Dies war ein Ziel, welches sie sich bereits vor 10 Jahren gesteckt hatte. Das nenne ich mal Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen!

Viele Musikstudierende sitzen nun zu Hause und fragen sich: „Wie bereite ich mich auf ein Probespiel vor?“. Es gibt natürlich viele gute Professoren und Angebote an den Hochschulen und Musikuniversitäten, aber es gibt eben auch Studierende, die dort nicht so viel Unterstützung bekommen. Für diejenigen und für alle die es interessiert, ist dieser Artikel.

1. Schritt: Planen und Bewerben

Um ein Probespiel zu machen, musst du dich selbstverständlich erst mal dafür bewerben. Wo kann man die Stellenausschreibungen für Stellen und Praktika/Akademien überhaupt finden? Vielleicht hast du bereits davon gehört: die wichtigsten Seiten sind http://www.muv.ac und http://www.vioworld.de. Besonders die Bewerbungen über muv.ac sind benutzerfreundlich für Bewerber, aber auch für das Orchester selbst. Jedoch schreibt nicht jedes Orchester über diesen Weg aus. In der Zeitschrift ‚Das Orchester‘ (http://www.dasorchester.de) findest du auch jede Menge Ausschreibungen; jene für Stellen ausserhalb Deutschlands ebenso auf: https://www.musicalchairs.info

Es schadet auch nicht bei einigen Orchestern auf deren Seiten zu gehen. Für die Studierenden aus NRW ist auch die Seite des Orchesterzentrums (http://www.orchesterzentrum.de/de/orchesterpraktikanrw.html) sehr hilfreich. Dort werden Praktika ausschließlich für Master-Studierende aus NRW ausgeschrieben.

Wenn du jetzt von der Fülle des Angebots erschlagen bist, geht es dir wie mir. Der Tipp von Hanna dazu traf bei mir auf absolute Zustimmung:

„Du musst dich einfach sehr gut organisieren und ein gutes Zeitmanagement haben“

Hanna Rzepka

Ja, da bestätigt sich meine These von oben und der Inhalt dieses Blogs.

Hanna hat für sich speziell dafür ein System ausgearbeitet, in welchem sie sich zuerst einen Zettel nimmt und alle Plattformen nach Ausschreibungen durchsucht. Von den Ausschreibungen, bei denen sie sich bewerben will, schreibt sie sich in Stichpunkten folgenden Info’s mit:

  • Welches Orchester und Wo?
  • Deadline für die Bewerbung (besonders bei Postbewerbungen)
  • Datum des Probespiels (falls bekannt)

Dabei kommt eine Frage unumgänglich zum Vorschein: Wieviele Probespiele sind in einem bestimmten Zeitabschnitt machbar und wieviel Zeit brauche ich davor zur Vorbereitung?

Grundsätzlich ist dies von deiner Belastungsgrenze abhängig, aber wichtig ist sich realistisch einzuschätzen. Setze Prioritäten und bedenke diese bei deiner Planung. Ein paar Fragen, die dir bei der Entscheidung helfen könnten:

  • Ist das Programm mit den vorzubereitenden Stellen und Pflichtstücken in der gegebenen Zeit machbar?
  • Überschneiden sich Programme, sodass man mehrere Probespiele in kurzer Zeit spielen kann?
  • Habe ich überhaupt an dem Tag des Probespiels Zeit?
  • Wie sehen meine nächsten Wochen aus, habe ich die Zeit davor mich ausreichend auf das Probespiel vorzubereiten?

Wenn klar ist für welche Probespiele du dich bewerben möchtest, kommt jetzt die Bewerbung selbst. Bei muv.ac ist es sehr leicht. Es geht per Mausklick, wenn du einmal alle Daten eingegeben und deine Dokumente hochgeladen hast. Bedenke allerdings auch bei muv.ac: es bewerben sich für Stellen z.T. über 300 Menschen. Die Musiker aus der Instrumentengruppe haben keine Zeit sich von jedem 5-Seitige Lebensläufe durchzulesen. Konzentriere dich auf die wesentlichen und wichtigen Punkte. Geh deinen Lebenslauf am Besten mit deinem Professor oder Studierenden aus einem höheren Semester durch.

Hanna gibt den Tipp, bei „aktuelle Beschäftigung“ (muv.ac) die 2-3 essentiellen Tätigkeiten reinzuschreiben. Zum Beispiel: Studentin, Praktikantin bei Orchester xy, Substitutin/Aushilfe bei Orchester xy. So wissen die Leute, die alle Bewerber/innen durchschauen, sofort was du machst. Hanna hat dies auch in ihrem schriftlichen/tabellarischen Lebenslauf eingesetzt. Wenn du ein Empfehlungsschreiben eines Professors/in hast oder ein Empfehlungsschreiben/Arbeitszeugnis von einem Orchester, in dem du gespielt hast, füge es auf jeden Fall hinzu. Und beachte, wie in meinem Fall, bei den Ausschreibungen die Altersgrenze. Es gibt tatsächlich Probespiele an denen ich bereits nicht mehr teilnehmen darf, weil zu alt…

2. Schritt: Vorbereiten und Üben

Ein sehr guter Tipp von Hanna, den ich bereits aus der Konzertplanung kenne, ist sich einen Probespielzettel fürs Üben anzulegen. Also eine Art Übeplan, der einem eine Übersicht verschafft: für welches Probespiel, muss ich was vorbereiten?

Auf diesen Zettel kommt:

  • Das Orchester, der Ort
  • Wann findet das Probespiel statt?
  • Welche Pflichtstücke gibt es? (ja, manchmal gibt es noch mehr als Mozart und Haydn)
  • Welche Stellen muss ich vorbereiten?
  • Gibt es Stellen, die nicht im konventionellen Probespielheft zu finden sind? Besorg sie dir frühzeitig!
  • Bei Stellen, bei denen nicht klar ist, welcher Teil genau verlangt wird, gibt es zwei Möglichkeiten: 1. Üb einfach alles! oder 2. Frag nach!
  • Markiere dir die Stellen, die besonders viel Aufmerksamkeit benötigen. Stellen die noch nicht so sitzen oder die, die einfach neu für dich sind.

Ich liebe ja Pläne. Das weißt du bereits. Und mit einem guten Plan können dir wichtige Informationen auch nicht entgleiten, wenn du sie dir direkt zu Anfang deiner Vorbereitung aufschreibst. Und bevor jetzt jemand fragt: Ja, das geht auch mit einem Word Dokument, wenn du nicht per Hand schreiben willst. Es geht darum für jedes Probespiel einen gesonderten Überblick zu haben!

Hanna hat die Erfahrung gemacht, dass 2-3 Wochen ausreichen, um sich auf ein Probespiel vorzubereiten. Natürlich übt man viele Stellen über einen langen Zeitraum bereits im frühen Stadium seines Studiums. Aber 14-21 Tage sind viel Zeit, da kann sehr viel passieren.

Obwohl Hanna und ich Flötistinnen sind, kommen hier ein paar instrumentenübergreifende Ideen zum Üben: (natürlich wollen wir hier nicht in Methodik deines Lehrers eingreifen, sondern nur ein paar Anstöße geben und erfolgreiche Methoden von Hanna mit dir teilen):

  • Langsam Üben und zwar über einen langen Zeitraum deiner Übeeinheiten!
  • Nicht immer die gesamte Stelle, sondern die Abschnitte, die problematisch sind
  • Schwere Stellen oder Abschnitte kann man als Ton-/Technikübungen zum Einspielen umfunktionieren
  • Varianten bilden und den Übemethodenschatz am eigenen Instrument erweitern. Es kann sehr ermüdend werden über 8 Jahre dieselben Stellen zu üben. Da brauchst du Abwechslung! Werde kreativ oder hol dir Inspiration von deinen Studienkollegen.
  • Mit Metronom üben, besonders das Solokonzert, denn meistens ist der Korrepetitor nicht sehr flexibel, was das Tempo angeht! Das bedeutet nicht, dass du bei den Stellen ohne Metronom üben kannst.
  • Bei Bläsern: Wechsel von Nebeninstrumenten mitüben. Nicht immer eins nach dem anderen, sondern gerne mal mischen!

3. Die Tage vor dem Probespiel

„Man kann nicht jedem gefallen!“

Hanna Rzekpa

Nutze in den letzten Tagen vor dem Probespiel die Zeit, um Studienkollegen, dem/der Professor/in, irgendwelchen Zuhörern (Haustiere sind, wenn’s hilft, auch erlaubt ;-)) vorzuspielen, um dich der Situation und der Nervosität zu stellen. Das Probespiel ist definitiv eine andere Situation als das Üben im Übezimmer. Weitere Tipps von Hanna:

  • Komplette Durchläufe von allen Stellen machen. Auch wenn du sehr selten bis gar nicht alle Stellen am Stück vorspielen musst, ist es ein sehr gutes Training!
  • Die Vorspiele 4-5 Tage vor dem Probespiel machen. Da kann man noch was retten, wenn was nicht sitzt!
  • Körperwahrnehmung schulen! Fühlst du dich sehr gestresst oder gut vorbereitet?
  • Fühlst du Lampenfieber oder Angst? Ist es eine positive Anspannung oder eine negative?
  • Vergiss nicht: Probespiele kann man auch absagen, das ist völlig in Ordnung und ganz normal!
  • Man kann auch pokern: bei Probespielen, für die man sich nicht so gut vorbereitet fühlt, trotzdem zu fahren. Sieh es als Chance und als Erfahrung! Aber das ist deine Entscheidung!!
  • Die Anspannung ist immer da, allgegenwärtig und geht auch nach 30 Probespielen nicht weg. Die Frage ist, wie du mit ihr umgehst!

4. Mentale Vorbereitung

„Alle kochen nur mit Wasser!“

Hanna Rzepka

Jetzt komme ich zu dem Teil, auf den ich ursprünglich in meiner These zu Beginn dieses Artikels, abgezielt habe!

Ja es ist wichtig zu üben und sich sehr gut vorzubereiten! Es ist wichtig, sich gut zu strukturieren und zu planen, sein Zeitmanagement im Griff zu haben und zielgerichtet zu Üben/Arbeiten. Aber…

…das bringt dir alles nichts, wenn du in der Situation selbst den totalen Blackout hast oder solche Angst verspürst, dass du dich nicht mehr bewegen kannst. Hier kommen Mentaltechniken ins Spiel, die dir selbstverständlich nicht nur im Probespiel helfen können, sondern grundsätzlich bei Lampenfieber oder Auftrittsangst.

Ich werde dazu natürlich weitere und detailliertere Artikel schreiben. Solltest du einiges davon noch nie gehört haben: fang an dich damit auseinanderzusetzen!

  • Mentales Üben
  • Auswendig Üben
  • Den Fokus auf die positiven Dinge legen: welche Stellen kannst du besonders gut?
  • Erfolgsliste anfertigen: Welche Herausforderungen hast du bereits gemeistert, welche Erfolge hattest du in der Vergangenheit?
  • Meditation (das hilft besonders, wenn man es regelmäßig praktiziert und nicht nur am Tag des Probespiels!)
  • Visualisierungsübungen: Visualisiere dir die Situation und stell dir vor du erreichst dein Ziel oder visualisiere dir deine bisher erfolgreichen Momente in Bezug auf Probespiele oder Konzerte!
  • Wenn du starke Probleme mit Lampenfieber hast, hol dir Hilfe und arbeite daran. Das verändert sich nicht von Heute auf Morgen! Und vergiss dabei nicht: du bist nicht allein!

„Man spielt nicht um sein Leben, die Welt geht davon nicht unter, wenn man nicht gut spielt!“

Hanna Rzepka

Das war der erste Teil des Artikels. Ich hoffe, wir konnten dir bereits viel Input geben zum Thema Vorbereitung geben und ich möchte noch mal darauf hinweisen, dass es sich hier nicht um den einzigen Weg oder den heiligen Gral handelt! Es sind Erfahrungen und erprobte Methoden, die nicht unbedingt jedem zusagen müssen.

Da aber über dieses Thema nur wenig öffentlich gesprochen wird, dachte ich mir, wie bei so vielen Themen, „Damit ist jetzt Schluss!“. Die Orchesterwelt ist kein Märchenschloss und du wirst auch nicht mit Samthandschuhen angefasst. Das ist aber kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken oder es gar nicht erst zu versuchen. Eine gesunde Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung, sowie eine gute mentale Vorbereitung, sind für das Probespiel ebenso wichtig wie die Planung und Organisation und das Üben an dem eigenen Instrument.

Nun wünsche ich dir viel Spaß beim Üben und bleib positiv und gesund!

Zeit zum Stellen Üben, haben wir ja jetzt ausreichend 🙂

2 Kommentare zu „Probespielvorbereitung

  1. Liebe Saskia, liebe Hanna, Eure Tipp’s und Empfehlungen zu Probespielvorbereitungen sind seit vielen Jahrzehnten immer noch so allgemeingültig, wie Ihr das hier empfehlt,- superwichtig, denn ohne diese Vorbereitungen und notwendigen mentalen Trainings, ist ein Probespiel nach wie vor ein Himmelfahrtskommando und mit wenig Aussicht auf Erfolg gekrönt ! An mehreren Probespielen teilzunehmen ist wichtig, da sich von Probespielsituation zu Situation, eine gewisse Coolness und Routine einstellt, die einem Einiges von seinem Lampenfieber nimmt. Ich selbst habe ab 1971 sieben Probespiele absolviert, und im Endeffekt drei davon gewonnen und bin bei den Nürnberger Philharmonikern gelandet, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass diese Zeit kein Zuckerschlecken war, und man braucht unheimlichen Biss, Mut und den nötigen Tunnelblick, um an sich und sein Ziel zu glauben, und nicht auf halber Strecke die Flinte ins Korn zu werfen. In diesem Sinne wünsche ich Euch Beiden, und allen lieben Probespielkandidaten starke Nerven, verdammt gutes Selbstvertrauen und ganz viel Biss, mit diesem großen Ziel vor Augen. Herzliche Grüße von eurem Kollegen Hans Bernd Zimmermann.

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    1. Lieber Bernd,
      vielen vielen Dank für den lieben Kommentar und deine Erfahrung zu dem Thema!

      Habe mich riesig über deine Worte gefreut. Das es hier einen Austausch gibt zwischen so erfahrenen Orchestermusikern wie dir und dem Nachwuchs, finde ich persönlich super!! Danke dafür!

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