Du darfst Fehler machen

Wir Menschen sind oft sehr gut darin, uns ständig zu sagen was wir alles nicht können, was wir falsch gemacht oder wem wir Schaden zugefügt haben. Wir sind gut darin, uns zu erzählen, welche fünf Noten wir von geschätzten 1200 in einem Konzert verkackt haben. Wir sind sehr gut darin, beim Üben penibel darauf zu achten, Fehler im Keim zu ersticken. Wir sind besonders gut darin, uns selbst Vorwürfe zu machen und auf Kleinigkeiten rumzureiten oder „aus einer Mücke einen Elefanten zu machen“. 

Worin wir leider richtig schlecht sind, ist das Positive zu sehen in unseren Fehlern, die wir machen oder Fehler gar zuzulassen, ohne sich selbst zu sagen: „Habe ich ja gesagt, dass du das nicht kannst“. 

Faszinierend, oder? Tief im Inneren wissen wir alle, dass wir durch Fehler lernen und uns dadurch weiterentwickeln. Wir wissen auch, dass Fehler ganz normal sind, dass jede/r Fehler macht. Trotzdem geben wir uns regelmäßig einen inneren Kampfdialog, indem wir uns selbst Vorwürfe machen, indem wir uns darüber auslassen, wie dumm wir doch sind, dass man das ja hätte besser wissen können oder, im Falle eines Konzerts, dass man sich hätte mehr vorbereiten können oder man einfach nicht konzentriert genug war. 

An der Umsetzung dieses Wissens im Alltag und im Berufsleben scheitern wir jedoch fast täglich!

Dieses ‚keine-Fehler-machen-wollen‘-Ding hängt natürlich eng mit einem völlig ungesunden und unerreichbaren Perfektionismus zusammen. Gleichzeitig haben wir irgendwann in unserer Vergangenheit mal gelernt, oft sehr früh, dass Fehler etwas Schlechtes sind, dass man sie vermeiden muss oder man nichts wert ist, wenn wir Fehler machen. 

Ich habe auf Instagram mal einen sehr wichtigen Satz geteilt: „Der Wert eines Menschen darf niemals an seiner Leistung gemessen werden!“

Das gilt demnach auch, wenn jemand Fehler macht. Ich bin nicht wertlos, nur weil ich Fehler mache. Ich bin auch kein schlechter Mensch, nur weil ich Fehler mache. Ich bin keine schlechte Musikerin, nur weil ich Fehler mache. 

Fehler sind unumgänglich. Wir Menschen lernen entweder aus Spaß oder Interesse, anders gesagt durch intrinsische Motivation, oder durch Schmerz. Dieser Schmerz entsteht meistens dann, wenn jemand anderes oder man selbst Fehler macht. Das kann mehr oder weniger weh tun, aber manchmal geht es nicht anders. 

Wir dürfen wieder anfangen Fehler zuzulassen, in jeder Lebenslage, und sie nicht direkt zu verteufeln. Natürlich gibt es Situationen, da ist es sehr ärgerlich, aber oft sieht die Sache ganz anders aus, wenn man sie von einem anderen Blickwinkel oder aus der Vogelperspektive betrachtet. Jede negative Erfahrung hat auch eine positive Seite, es kommt ganz alleine darauf an, von welcher du schaust. Nach jedem Fehler folgt ein Lerneffekt, zumindest wenn man ihn sich anschaut, ihn wahrnimmt und es reflektiert. Da kommen wir zu einer anderen sehr wichtigen Fähigkeit im Bereich Selbstmanagement. Als Musiker*innen und Pädagog*innen übrigens auch nicht schlecht zu verbessern: Selbstreflexion. 

Wenn wir Fehler als etwas Positives und nicht als etwas Negatives in unserem Leben integrieren wollen, dürfen wir selbstreflektiert sein und uns Situationen, in denen wir etwas vermeintlich falsch gemacht haben, genauer anschauen. Nicht nur mit dem Baseball Schläger draufhauen: „Das hast du ja wieder toll hinbekommen“ – „Was hast du denn da schon wieder verzapft“ – „War ja klar, wie immer völlig hirnlos gehandelt“ – „Erst denken, dann sprechen“ – „Was kannst du eigentlich?“ usw…

Ja unser innerer Kritiker und unser Ego sind unfassbar charmant in diesen Situationen. Fehler sind dafür da, dass man etwas aus ihnen lernt und nicht, dass sie uns zur Weißglut bringen. Das mögen jetzt der ein oder die andere verstörend finden, wenn ich das so direkt sage, aber jeder Fehler, den ich in meinem Leben gemacht habe, war gut so, dass er passiert ist. Wirklich jeder! Die Erkenntnis, dass ich Fehler machen darf, dass ich mir erlauben darf aus ihnen zu lernen, dass ich gut so bin wie ich bin, auch wenn ich ab und an Scheiße baue, ist unglaublich befreiend und sorgt für einen Entwicklungsschub, den man kaum in Worte fassen kann.

Bezüglich unserer Branche ist das natürlich in manchen Bereichen unfassbar schwer umzusetzen. Da sind die Denk- und Handlungsmuster schon so drin, dass man da nur schwer rauskommt. Auf der Bühne alles zu geben, 150% und den Laden so richtig zu rocken, bewahrt mich nicht vor Fehlern. Im Gegenteil – dadurch, dass ich so leidenschaftlich und voller Energie dabei bin, gehen mir viel schneller Fehler durch, sei es ein paar falsche Töne oder ganze Aussetzer. Die passieren – so what! Das hat mich ehrlich gesagt noch nie gekümmert, wenn ich auf der Bühne war. Ich bin da in meinem Element und brenne dafür. Aber beim Üben … oh je, ich kann euch sagen! Ich war ein richtiger Drache zu mir selbst. Die Art, wie ich mit mir selbst gesprochen habe bei einer Übesession, war mehr als asozial und ich würde nie mit Schüler*innen so sprechen wie ich mit mir selbst. Wir wissen ja, man ist selbst sein/e härteste/r Lehrer/in. Aber schön war das nicht, was ich da veranstaltet habe. 

Ich könnte mir jetzt deswegen Vorwürfe machen. Ich kann aber auch akzeptieren, dass es eine Zeit in meinem Leben gab, wo ich so mit mir umgegangen bin. Ich kann daraus lernen, was ich natürlich auch gemacht habe, und für mich festlegen, nie wieder mit irgendwem so zu sprechen – schon gar nicht mit mir. Ich kann mir zugestehen, dass ich heute nicht so gut wäre bzw. nicht so wäre, wie ich eben bin, menschlich wie künstlerisch, ohne diesen leichten Drill in meinem Kopf. Ich darf aber auch anerkennen, dass wir Menschen uns stetig verändern und entwickeln, dass das aber immer unsere Entscheidung ist und nicht die von jemand anderem. 

Wenn du das nächste Mal nach einem Auftritt runterkommst, dann stell dir doch mal die Frage:

Was habe ich heute gut gemacht? Oder: Welche meiner Stärken konnte ich heute zeigen?

Dafür setze ich selbstverständlich voraus, dass du dir darüber im Klaren bist, welche Stärken du hast! Und dann, wenn du dir das Positive angeschaut hast, lässt du deinen inneren Kritiker behutsam los und überlegst dir, was hätte besser sein können. Ganz neutral und liebevoll mit dir selbst. Denn noch mal zum Verdeutlichen:

Wir machen alle Fehler, auf der Bühne oder im sozialen Umgang, beruflich oder privat, es ist okay, und der erste Schritt in die richtige Richtung ist, genau das anzuerkennen. 

Selbstreflektiert zu leben hat natürlich viele Vorteile, aber einer davon ist auf jeden Fall, Positives an Fehlern zu finden und den Lerneffekt heraus zu kristallisieren. 

Es gibt natürlich auch Menschen, die machen bestimmte Fehler immer wieder, das kennst du bestimmt auch – das ist dann das Gegenteil von Selbstreflexion: Verdrängung. Bei den Menschen sind immer die anderen schuld…

Wie dir vielleicht aufgefallen ist, habe ich in dem Artikel besonders oft in der Wir-Form gesprochen. Das hat gute Gründe und ich bin selbst noch lange nicht an dem Punkt, dass ich alle Fehler, die ich mache, sofort selbstreflektiert aufarbeite. Ich sitze manchmal auch wie ein kleines Rumpelstilzchen zu Hause und ärgere mich grün und blau, weil ich dies und jenes vergurkt habe. Aber ich bin auf einem sehr guten Weg, es immer öfter selbst zu realisieren, ohne Hilfe von außen. 

Setz dich damit bitte nicht unter Druck, aber sieh diesen Artikel als Spiegel, den ich dir vorhalte und geh mal in dich, wie du das die nächsten Jahre oder Jahrzehnte für dich handhaben möchtest. Wie du mit dir sprichst, wenn du etwas falsch machst. Welche Emotionen da so hochkommen. 

Ich wünsche dir dabei viel Kraft und Geduld, denn es ist kein Sprint, sondern ein Marathon!  

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