Ich kann nicht beschreiben, wie dankbar ich bin in diesem Moment hier zu sitzen und diese Worte zu schreiben. Mein letzter Artikel ist nun sieben Monate her und das habe ich weder kommen sehen noch geplant. Ich habe mich jetzt entschlossen nicht „wie geplant“ weiter zu machen, sondern erst mal einen sehr persönlichen Artikel zu schreiben, der vielleicht sogar ein bisschen Therapie für mich ist.
Ich möchte an der Stelle eine Triggerwarnung aussprechen. Ich schreibe in diesem Artikel (nicht ausführlich, aber eben inhaltlich) über Missbrauchserfahrungen. Se*uellem Missbrauch, sowie Machtmissbrauch. Sollten dich diese Themen gerade sehr beschäftigen oder du spürst, dass das grade nicht dran ist, lies das bitte mit einer Person deines Vertrauens oder zu einem anderen Zeitpunkt.
Warum war es so still hier?
Es gibt mehrere Gründe dafür, dass ich so lange hier keinen Artikel veröffentlicht habe. Die offensichtlichen Gründe sind: Ich mache sehr viel und meine Zeit und Energie ist wie die von anderen Menschen begrenzt, auch wenn es für einige nicht so aussehen mag. Ich bekomme immer noch so oft zu hören: „Wie schaffst du das nur alles, du machst so viele Dinge?“ – Was die meisten nicht sehen, ist was dafür eben hinten runterfällt und das bin in sehr vielen Fällen: Ich. Mein Körper und meine Bedürfnisse.
Mir das einzugestehen tut ehrlich gesagt ganz schön weh, denn ich begleite und coache Menschen in Gruppen und 1:1, beim Yoga oder auch in anderen Settings, wie sie mit sich in Verbindung kommen, wie sie ihren Körper unterstützen können und wie sie sich selbst priorisieren und ich selbst mache nicht das, was ich anderen empfehle. Das war für mich ein Schlag in die Fresse, den ich mir selbst zugefügt habe und ich habe den Schlag gebraucht um wach zu werden.
Mein Körper meldetet sich wieder mit unterschiedlichen Symptomen, meine Haut reagierte, mein Nervensystem zittern war zurück, ich hatte emotionale Ausbrüche, Anflüge von Panikattacken und all das, obwohl ich doch weiß, was mir gut täte und was ich für Tools nutzen kann, um für mich zu sorgen. Gleichzeitig habe ich das nicht gemacht und mir natürlich irgendwann die Frage gestellt: Warum?
Die Antworten darauf haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Einige davon möchte ich teilen, andere nicht und auch da sorge ich für mich, denn zum einen mache ich mich mit diesen Zeilen natürlich unglaublich angreifbar und zum anderen möchte ich darauf aufmerksam machen, Sichtbarkeit schaffen und hier über etwas sprechen, was ich hier noch nicht thematisiert habe.
Vor einigen Monaten habe ich dazu ein Video auf meinem Instagram Kanal gemacht, welches ich hier verlinke, falls du es dir anschauen möchtest (erneute TW: se*ueller Missbrauch)
Der Hauptgrund für meine Symptome der letzten Monate und auch der Grund für meine Schreibblockade, dazu komme ich gleich, war meine noch nicht voll aufgearbeitete Missbrauchserfahrung. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, möchte ich trotzdem ein paar Eckdaten dazu da lassen, um klar und deutlich zu machen, was es mit Betroffenen macht. Und vor allem wie lange und in der Regel das ganze Leben davon beeinflusst wird, denn auch wenn die Erfahrung aufgearbeitet und verarbeitet ist, bleibt es ein Teil von mir.
Ich war 16 Jahre und es war nicht nur eine, sondern mehrere Erfahrungen und auch mehrere Ebenen von Missbrauch. Der Täter war mir bekannt und er war selbst noch nicht volljährig, wir reden also nicht von einem Fremden, sondern einem jungen Mann, dem ich vertraut habe, mit dem ich musiziert habe und ich bis vor drei Jahren nicht wusste, was mir da eigentlich widerfahren ist. Unsere Psyche ist sehr intelligent und schützt uns vor Erfahrungen und Emotionen, die wir in dem Moment nicht fühlen und aushalten können. Es zeigt sich allerdings dann zu einem Zeitpunkt, wo wir dafür bereit sind, das macht es nicht unbedingt angenehmer, nur weil man dann älter und erfahrener ist und das Ganze dann einordnen kann. Es ist genauso schmerzhaft, zerreißend und die Ohnmacht und Scham, die einen überkommt, wenn man solche Erfahrungen aufarbeitet sind lähmend und sorgen dafür, dass wir nicht mehr so „funktionieren“, wie wir es von uns gewohnt sind.
Ich wusste einen Bruchteil von dieser Geschichte, der Rest war nach wie vor verschüttet und nun brechen die vollumfänglichen Erkenntnisse über mir ein. Die Erkenntnisse, die mir beantworten, warum ich so steil gehe auf Machtmissbrauch an Hochschulen und in meiner Branche, warum ich so hart getriggert werde, wenn ich von jeglicher Form von Missbrauch lese, höre oder mir Filme, Serien und Bücher mit dieser Thematik reinziehe. Warum ich mich seit Jahren auch ausführlich mit dem Patriarchat, patriarchalen Strukturen und Feminismus beschäftige und mich dazu weiterbilde.
Mein Körper hat all diese Erfahrungen noch gespeichert und nur zu wissen, was passiert ist oder darüber zu sprechen, reicht da nicht aus um es zu lösen. Der Körper darf immer mitgenommen werden und das weiß ich, Tools habe ich dafür, Menschen in meinem Umfeld auch, die mich begleiten können und gleichzeitig habe ich es aus unterbewusst gesteuerten Glaubenssätzen nicht gemacht, bis der große Schlag in die Fresse kam oder sollte ich besser sagen: Der Tritt in die Eierstöcke.
Meine Schreibblockade
Schreiben ist für mich Therapie und ein Ventil. Viele Texte, die ich geschrieben habe würde ich niemals veröffentlichen und das ist auch nicht der Hintergrund, warum ich sie geschrieben habe. Ich schreibe viel in mein Journal, lasse meine Gedanken fliessen und sortiere mich so.
Das habe ich, genauso wie das Schreiben von Artikeln oder dem Schreiben an meinem Buch, sehr lange wenig bis gar nicht gemacht. Eins meiner größten Ventile und kreative Ausdrucksmöglichkeit habe ich nicht ausgeübt, weil…ja warum? Dazu habe ich noch nicht alle konkreten Antworten. Eine Antwort, die zu meinem zweiten Buch, kam allerdings im Urlaub. Ich hatte ursprünglich an meinem zweiten Buch gearbeitet, als Teil zwei meines Buches „Was machen Sie eigentlich beruflich?“. Ich wollte über die Muggen Szene schreiben, über Erfahrungen im künstlerischen Bereich, über Musizieren als Hochleistungssport und über Gründe, warum wir tun, was wir tun.
Nur konnte ich mich nicht durchringen zu schreiben. Ich hatte lose Enden und ein Konzept, was irgendwie nicht mehr matchte. Und in meinem diesjährigen Sommerurlaub saß ich am Wasser und las das Buch „Wichtes, Bitches, It-Girls“ von Rebekka Endler mein drölftausendstes Buch über feministische Inhalte, die Realität von Frauen und vor allem in diesem Fall: Von Frauen in der Öffentlichkeit. Ungefähr auf der Hälfte des Buches legte ich es kurz zur Seite und in mir kam die Frage hoch, wegen der ich mein erstes Buch geschrieben hatte: „Wie ist das eigentlich so als Frau auf der Bühne zu stehen?“
Damals, 2020 als ich diese Frage bekam und mich entschied ein Buch zu schreiben hatte ich weder die Eierstöcke in der Hose, das als Titel zu nehmen, noch das Know-How, um ein feministisches Buch über die Musikbranche zu schreiben. Der Wunsch in mir war trotzdem da, von Sekunde eins. Alleine aus meinen Erfahrungen könnte ich das ganze Buch füllen und da ist meine Missbrauchserfahrung im musikalischen Kontext nur eine von mehreren Erfahrungen. Meine erste Erfahrung mit sexueller Belästigung habe ich mit dreizehn gemacht und auch hier war mein gegenüber nur zwei Jahre älter als ich. Das sind keine Einzelfälle, wie ich durch viele Bücher, Podcasts, Insta-Beiträge und Gespräche mit Freundinnen erfahren habe: Das ist die Realität von sehr vielen Frauen.
Nun saß ich also da im Urlaub und dachte: Ich will genau so ein Buch schreiben. Ein Buch, wie es ist als Frau in der Musikbranche. Über die schönen Seiten und gleichzeitig über die beschissenen, die auch hier strukturelle und systematische Ursachen haben. Ein Buch über Machtmissbrauch, ein Buch über se*uelle Belästigung und Gewalt innerhalb der Branche, über Hierarchien, über Se*ismus, über den Gender-Pay Gap und die vielen vielen anderen Gaps, über Sozialisierung von Männern und Frauen, über Zahlen, Daten und Fakten, bei dem einem die Ohren schlackern, über Pick-Me Girls und Boss Babes und gleichzeitig über Sisterhood, über female Empowerment, über weibliche Führung und weibliche Attribute, die unsere Branche dringend braucht, über unterstützende Angebote, über meine Geschichte, wie ich aufgehört habe patriarchale Strukturen zu stützen und angefangen habe Frauen zu schützen, zu feiern, zu lieben und die Strukturen dahinter zu verstehen, warum mir eingeredet wurde: Es kann nur eine geben!
Ich habe verstanden: Ein Angriff auf eine von uns, ist ein Angriff auf uns alle.
Die Entscheidung dieses Buch zu schreiben und ich bin bereits mitten drin, hat u.a. dazu geführt, mich mit meinen eigenen Themen zu beschäftigen. Meinen Erfahrungen in Institutionen, als selbstständige Frau, als Musikerin, die auf der Bühne die Hütte nieder brennt und danach trotzdem ausschließlich für ihr Aussehen gelobt wurde, über meine Erfahrungen mit Sprüchen, Berührungen, Grenzüberschreitungen von Kollegen und Lehrkräften, über meine Sozialisierung und eben über meine Missbrauchserfahrungen und das damit zusammenhängende Trauma-Cluster.
All das nimmt sehr viel Kapazität und Energie, die mir dann natürlich fehlt für das was ich sonst noch so im Alltag mache und meine beruflichen Tätigkeiten. Und so war ich gezwungen, mich mal an meine eigenen Tipps zu halten, die ich u.a. auch hier und in meinem Podcast schon rauf und runter gebetet habe: Prioritäten setzen, Zeit nehmen, mich erden und reflektieren und vor allem: Hilfe holen.
Verbundenheit und Heilung
Das habe ich gemacht, denn mir ist es wichtig, trotz all dem was mir passiert ist und was ich noch aufarbeiten darf in Verbindung zu bleiben. In Verbindung mit mit selbst. In Verbindung mit meinen Herzensmenschen. Es kamen dieses Jahr auch noch mal Menschen dazu in meinen Innen Circle, für die ich dankbarer nicht sein könnte. Ein Sicherheitsnetz um sich zu haben, bei dem ich so sein darf, wie ich bin und in dem ich auch nicht funktionieren kann und weiß, ich werde nicht verurteilt. All die Glaubenssätze, die in den letzten Wochen und Monaten wieder an die Oberfläche kamen, von denen ich zum Großteil dachte, ich hätte sie schon durch und sie mir mit einem fetten Grinsen entgegen kamen und sagten: „Nein Schätzchen, wir sind noch da und du darfst noch mal hinspüren, dir das anschauen und uns dann loslassen“.
Ich habe den No-vember ernst genommen und Nein zu Dingen gesagt, die grade nicht dran sind, für die ich keine Kapazität aufbringen kann und möchte, zu Terminen, die auch noch wann anders stattfinden können, damit ich mich mit dem auseinander setzen kann, was sich in mir abspielt. Mir Zeit nehmen kann für mich, meinen Körper und meine Seele. Wenn ich dich dazu inspirieren kann auch mal einen Check-In durchzuführen und dich zu fragen, ob das wirklich alles sein muss oder ob du dir nicht auch mehr Zeit für dich einräumen möchtest, dann fühle dich inspiriert.
Ich möchte mit diesem Artikel vor allem eins: Verbundenheit schaffen. Ich weiß, wie viele Menschen das hier jetzt lesen und sich gehört und gesehen fühlen, weil ihnen vielleicht ähnliches widerfahren ist. Wie viele Menschen das hier lesen und betroffen sind und vielleicht ins Nachdenken kommen oder Gespräche führen mit Menschen aus ihrem Umfeld, die ähnliches erfahren haben. Meine Missbrauchserfahrung ins Internet zu posten war kein leichtfertiger Schritt und damit sichtbar zu werden ist nie leicht und schon gar nicht „um Aufmerksamkeit“ zu bekommen, wenn überhaupt um Aufmerksamkeit für die Thematik zu bekommen. Ich wünschte mir wäre das nicht widerfahren und wem das zu krass ist darf das Thema gerne skippen, ich spreche ja nicht nur darüber.
Diese Erfahrungen macht mich gleichzeitig zu der Person, zu der Frau die ich bin. Die Frau, die ein Buch schreiben wird, was meine innere 16-jährige oder innere 22-jährige gebraucht hätte, um zu wissen das das alles nicht normal ist, was ihr da widerfährt und das sie das auch nicht über sich ergehen lassen oder aushalten muss. Ein Buch, was Themen zusammenfasst, die unangenehm sind, die schambehaftet sind und z.T. immer noch Tabu’s in unserer Branche.
Ich bin ganz ehrlich: I don’t give a f*ck. Ich spreche darüber. Ich breche das Schweigen, wie Gott sei dank schon einige vor mir. Die Scham liegt immer auf der falschen Seite und Strukturen ändern sich nicht davon, dass wir sie still verurteilen und uns dem ergeben. Strukturen brechen auf, weil wir laut werden, weil wir aussprechen, was niemand hören will und weil wir stören. Und genau das werde ich tun. Auch mit der Konsequenz, dass dadurch in mir noch mal die Hölle losbricht, allerdings weiß ich auch aus Erfahrung: Wenn es mal gefühlt und angeschaut ist, ist es auch durch.
Ich nehme das Schreiben also auch weiterhin als Therapie und werde hier vielleicht auch Texte veröffentlichen, die ich noch vor einem Jahr niemals geteilt hätte. Meine Schreibblockade hat sich auf jeden Fall aufgelöst und die Energie, die ich gerade gebündelt für meine Heilung nutze, kann ich bald wieder mehr in diesen Blog, meine selbstständigen Tätigkeiten, meinen Content, meine Workshops, meinen Unterricht und mein Ehrenamt und natürlich meinen Job an der Hochschule stecken.
Bis dahin möchte ich dir eines ganz klar mitgeben, was ich mir auch wieder bewusst machen durfte: Es ist okay mal nicht zu funktionieren. Es ist okay, dass es dir schlecht geht und du darfst dir Zeit nehmen zu heilen. Es ist okay, dass du manchmal das Bedürfnis hast jemandem das Gesicht einzuschlagen, tu es bitte trotzdem nicht, sondern suche dir Tools, um mit dieser Wut und diesem Zorn umzugehen. Es ist okay zu weinen und zusammenzubrechen. Es ist okay sich Hilfe zu holen und zu sagen: Ich kann nicht mehr. Es ist okay, dass du dich so fühlst, es hat einen Grund.
Du bist vollkommen und wertvoll, so wie du bist, auch wenn du gerade nicht weißt, wie es weiter geht. Du bist wertvoll, auch wenn du nicht leistest und du bist wunderschön, auch wenn du gerade verheult auf deinem Bett sitzt.
Fühle dich von mir herzlich umarmt, wenn du das möchtest und sei dir bewusst: Du bist nicht alleine mit deiner Erfahrung.
Danke für dein Vertrauen, dass ich das hier so teilen kann. Ich bin sehr dankbar für meine Community.
Danke für deine Geduld, dass du so lange auf meinen nächsten Artikel gewartet hast.
Danke für dein Sein!





Hinterlasse einen Kommentar