Ich frage mich mittlerweile schon, wie es immer noch nicht in allen Köpfen angekommen ist, dass gewaltvoll formuliertes Feedback in der Du-Form nicht den gezielten Effekt auslöst: Weiterentwicklung des Gegenübers.

Das ist doch die Idee von Feedback oder? Es geht doch darum, dass die Person, der ich Feedback gebe, die Möglichkeit hat etwas zu lernen, besser zu werden, sich zu entwickeln oder einfach neue Impulse für sich mitzunehmen … oder etwa nicht?

Wie kann es sein, dass nach Prüfungen oder Vorspielen immer noch Sätze fallen wie:

„Hast du dich etwa nicht genug vorbereitet? Das war wirklich nicht deine beste Leistung.“ (Ich war extrem nervös, ich war gut vorbereitet, aber hatte meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle.)

„Du warst aber nicht bei der Sache.“ (Woher willst du das wissen?)

„War das alles, was du heute aus dir rausholen konntest?“ (Ja, mehr ging heute nicht.)

„An der einen Stelle warst du nicht mit dem Klavier zusammen.“ (Ach, sag an, hab ich gar nicht gemerkt. – Ironie aus.)

„So wie du heute gespielt hast, wird das aber nichts mit der großen Karriere.“ (Wow, wie aufbauend, da habe ich ja richtig Lust morgen Üben zu gehen.)

Ich könnte jetzt noch 20 weitere Sätze raushauen, die ich selbst gesagt bekam oder in meiner Nähe gefallen sind oder mir berichtet wurden. All das sind entweder Sätze, die ich als gewaltvoll formuliert einstufen würde, als Zuschreibungen, Unterstellungen oder Ähnliches empfinde. Generell fast jede Formulierung wie: „Du hast…“, „Du bist…“, „Du solltest…“, „Du hättest…“ oder „Du kannst nicht…“ können sehr schnell als Angriff wahrgenommen werden und sagen eigentlich mehr über die Person aus, die sie ausspricht, als über die, an die diese Formulierung gerichtet ist.

Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul, als über Peter. Das gilt auch bei Feedback.

An dieser Stelle möchte ich auch einen Reminder an alle senden, die oft Feedback erhalten, gerade in Musikhochschulen: Du musst Feedback nicht annehmen, schon gar nicht wenn du dich nach dem Feedback schei*e fühlst! Die Verantwortung liegt an der Stelle auch bei der Person, die dieses Feedback gibt. Nach pauschalen Aussagen, Verallgemeinerungen und übergriffigen Formulierungen, nach denen du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist, keine klare Zielsetzung formulieren kannst oder schlicht nicht weißt, was du konkret anders machen kannst, kannst du dir das Feedback auch zum anderen Ohr wieder ausströmen lassen!

Wenn du nach einem Feedback Gespräch Wut empfindest, dann wurde eine deiner Grenzen überschritten und du darfst das fühlen und dir klar machen: Es geht meist nicht um den Inhalt, sondern wie er verpackt wurde!

Inhaltlich sind die Feedbacks oft nicht das Problem, werden aber in einer Art transportiert, die wir nur schlecht aufnehmen und verarbeiten können, bei der wir erst mal „dicht“ machen – und das völlig verständlich!

Wie geht denn nun gewaltfreies Feedback?

An der Stelle eine große Empfehlung für Kathy Weber und ihren Podcast und ihren Instagram Kanal, wenn du dich näher mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigen möchtest.

Ganz egal, ob du Kinder hast oder nicht, denn bei Erwachsenen arbeite ich immer auch mit deren inneren Kindern und nur weil wir gewaltvolle Kommunikation gewohnt sind und denken „es hätte uns auch nicht geschadet“ (Spoiler: Es hat geschadet!) muss das ja nicht weitergegeben werden.

Ein erster Schritt, um gewaltfreies Feedback zu geben, ist in der Ich-Formulierung zu starten. Ein paar Beispiele:

„Nach meinem Empfinden habe ich das so und so wahrgenommen“

„Ich hätte mir XY gewünscht“

„Ich habe das Gefühl, dass…“

Tolle Idee ist auch, das Gegenüber bei einem Feedbackgespräch zu fragen, ob die eigene Wahrnehmung geteilt wird.

„Ich habe das Gefühl, du warst sehr im Kopf und mit einer sauberen Ausführung beschäftigt, wie ging es dir denn auf der Bühne, teilst du diese Wahrnehmung?“ anstatt „Das war sehr mechanisch gespielt, wo war da die Musikalität?“

Ich kann das Feedback auch so geben, dass der Inhalt so transportiert wird, dass die Person, die das Feedback empfängt sich auch dazu äußern kann (nicht rechtfertigen) und keine Unterstellungen oder Mutmaßungen ausgesprochen werden. Wir können in den Kopf der anderen Person nicht reinschauen und wir können nicht in den Körper der anderen Person reinfühlen, also kann ich Fragen stellen.

Für Personen die Feedback geben, habe ich zusätzlich den Tipp, sich bewusst zu machen, was eigentlich transportiert werden soll.

Welche Kritik habe ich konkret?

Was ist mir aufgefallen, was ich der Person gerne mitteilen möchte?

Habe ich direkt Lösungsansätze für das was mir aufgefallen ist?

Was könnte das ggf. in meinem Gegenüber auslösen und wie kann ich die Person dann auffangen, falls sie emotional wird?

In meinem Kopf beantworte ich diese Fragen für mich in Sekunden, das hat natürlich Übung erfordert! Ich habe vor zehn Jahren auch anders Feedback gegeben, als ich das heute tue, aber vermutlich immer noch hundert mal emphatischer, als viele Professoren*innen an Musikhochschulen…nur so eine Vermutung.

Ich darf mir als Person, die Feedback gibt immer bewusst machen, dass die Person, der ich Feedback gebe das nicht unbedingt annehmen muss. Ich bin nicht allwissend und meine Meinung steht nicht über die von anderen. Wenn ich um Feedback gebeten werde, mache ich das immer gerne. Eine Sache, die ich nie mache und auch nicht empfehlen kann ist ungefragt Feedback zu geben. Das ist in der Regel immer übergriffig und kann ganz schön nach hinten los gehen.

Auf Augenhöhe zu kommunizieren haben sehr viele Menschen nie gelernt, es gab immer ein Machtgefälle, in ihrer Familie, in der Ausbildung und später dann im Beruf und das wird völlig unreflektiert und ungefiltert weiter gegeben. Aber das muss nicht sein!

Wenn du noch tiefer in das Thema einsteigen möchtest, hier geht es zu passenden Podcastfolge.

Ich verstehe vollkommen, dass das für viele, gerade der „alten Schule“ erst mal sehr irritierend ist. Die sind nämlich mit noch viel härteren Sätzen konfrontiert worden und haben ggf. schon die abgeschwächte Variante rausgehauen. Es triggert diese Menschen in einigen Fällen auch, wenn über gewaltfreie Kommunikation und gewaltfreies Feedback gesprochen wird, weil ihnen dann bewusst wird, wie respektlos und gewaltvoll sie behandelt wurden. Das kann durchaus Emotionen wie Wut, Trauer, Schmerz, Hilflosigkeit, Schuldgefühle oder Scham hochholen und anstatt sich damit zu befassen, damit zu arbeiten, wird dann gern wild um sich geschlagen mit Sätzen wie: „Mein Gott, die junge Generation ist aber auch verweichlicht“ oder „Darf man jetzt gar nichts mehr sagen?!“ oder „Kuschel Pädagogik hat noch keinen weiter gebracht“. Oder eben der Klassiker: „Das hat uns auch nicht geschadet!“, während sie emotional darauf reagieren, weil Spoiler alert: Es hat halt doch geschadet und das ist auch absolut okay.

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