Hier war es nun etwas länger ruhig, das hat verschiedene Gründe, aber ich kann dir nun sagen: Es kommen in nächster Zeit wieder mehr Artikel hier. Ich freue mich wahnsinnig darauf wieder mehr zu schreiben, denn das fehlt mir wirklich sehr in meinem aktuellen Alltag. Mein neuer Job an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf ist unglaublich erfüllend und gibt mir gleichzeitig eine Form der Freiheit, die ich vorher so nicht hatte, dazu aber in einem anderen Artikel mehr.
Der heutige Satz passt allerdings auch sehr gut zu der Thematik, denn ich hätte mich unter Druck setzen müssen, Artikel zu schreiben und das wollte ich nicht. Ich kann natürlich unter Druck arbeiten, unter hohem Leistungsdruck, das bin ich gewohnt, das war meine gesamte Studienzeit so – dazu komme ich gleich noch ausführlicher – aber ich muss ja nicht unter Druck arbeiten.
Ich muss einen Scheiß! Und du übrigens auch!
Vor einigen Wochen brach in meinem Unterricht eine Schülerin in Tränen aus. Es kam aus dem nichts und ich fragte sie, selbst mit Tränen in den Augen, was sie gerade bewegt? Sie antwortete:
„Ich mache mir immer so viel Druck, dass ich alles richtig mache, ich mich schneller entwickele und mich auch genug anstrenge…aber ich kann diesem Druck nicht standhalten.“
Es berührte mich sehr, was sie sagte. Ich fühlte das so mit. Ich fühle diesen Druck, diesen Leistungsdruck und gleichzeitig das Gefühl nichts wert zu sein, wenn wir den eigenen Erwartungen oder den Erwartungen von anderen nicht gerecht werden. Besonders ins Gericht ging ich aber mit mir selbst früher immer, wenn ich meine eigenen Erwartungen an mich nicht erfüllte – und die waren verdammt hoch. Ich musste mich in der Situation selbst erst mal fangen und antwortete meiner Schülerin dann:
„Weißt du, warum du dir diesen Druck machst? Hast du eine Idee, warum du dich so fühlst, wenn du deine Erwartungen an dich selbst nicht erfüllst?“
Es dauerte nicht lang da landeten wir bei dem Thema Schule und Bewertung. Die Schülerin ist 15 Jahre und ist bereits so in einem Hamsterrad von Leistung und Wertung gefangen, dass sie sich, oh Überraschung, wertlos fühlt, wenn sie nicht leistet. Wir können uns ja mal die Frage stellen, was es mit Kindern macht, wenn sie auf ihren Arbeitsblättern, Klassenarbeiten oder Zeugnissen die Note „mangelhaft“ oder „ungenügend“ finden. Alleine die Angst da vor „ungenügend zu sein“ oder eben „nicht zu genügen“ ist für Menschen der blanke Horror.
Wir werden alle groß in einem Bewertungssystem, das geht aber natürlich auch schon vor der Schule los. Da gibt es eben keine Noten, sondern verbale Bewertungen. Das unser Selbstwert irgendwann anfängt zu bröckeln und wir recht früh lernen: „Wenn du etwas werden willst, musst du dich anstrengen und dir die Anerkennung verdienen“, kommt nun mal das dabei raus.
Junge Menschen, die sehr hohe Erwartungen an sich stellen oder gestellt bekommen und schlimmstenfalls unter dem Druck zusammenbrechen. Diese Situation hat mich mal wieder mit dem Satz in Kontakt gebracht:
Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
Wir wissen das, eigentlich. Mal wieder kein Wissensproblem. Jeder Mensch, der Pflanzen hält oder in die Natur geht, käme auch nicht auf die Idee an der Pflanze zu ziehen, damit sie schneller größer wird. Würde niemandem einfallen, aber warum machen wir das bei Menschen und vor allem bei unseren Jüngsten?
Durch Druck erzielen wir nicht unbedingt schnellere Ergebnisse, denn jeder Mensch braucht sein eigenes Tempo. Das wissen wir eigentlich auch, aber es wird im gesellschaftlichen Kontext überhaupt nicht klar thematisiert oder damit abgetan, „dass man ja nicht auf alle Rücksicht nehmen kann“. Also müssen Menschen unter einem System leiden, weil sich das System einfach nicht verändern lassen will?
Ich spreche hier nicht von nur von Menschen mit Einschränkungen, jeglicher Art, sondern ich rede von allen Menschen. Wir haben alle unterschiedliche Talente und Fähigkeiten, die uns mehr oder weniger liegen. Trotzdem braucht jeder Mensch sein Tempo, um etwas Neues zu lernen oder sich zu entwicklen. Das können wir scheiße finden, aber das ist nun mal die Realität.
Das es sich hierbei um eines der Kernthemen dreht, warum heute so viele Menschen ausgelaugt, ausgebrannt und platt sind, weil sie sich aus diesem inneren und auch äußeren Druck heraus komplett selbst vergessen und sich quasi kaputt arbeiten, um „höher, schneller, weiter“ das kapitalistische System am laufen zu halten, darüber sprechen wir leider viel zu selten.
Nur weil ich Druck ausübe, heißt es nicht, dass ich schneller zum Ziel komme. Ich spreche aus Erfahrung: Ich kam vor allem völlig fertig am Ziel an, war dünnhäutig, emotional, musste nach Konzerten oder Auftritten immer erst mal weinen, weil der Leistungsdruck abfiel, weil ich „richtig abgeliefert“ habe. Es kann durchaus sein, dass wenn ich nicht so mit der Selbstgeißelungspeitsche durch meine Studienzeit gegangen wäre, dass ich dann ein bis zwei Semester länger gebraucht hätte, um auf das Niveau zu kommen auf dem ich heute bin. Aber für meine mentale Gesundheit, hätte ich das getan.
Was ist uns also wichtiger? Leistung, Abliefern, Anerkennung und Erfolg oder unsere mentale Gesundheit? Ich bin ziemlich sicher, es geht auch beides, aber mit einem gesunden Anspruch an sich und einem liebevollen Umgang mit unserem Körper und unserer Seele.
Heute weine ich auch nach Konzerten, aber vor allem weil ich berührt bin von der Energie der Menschen im Publikum, die dankbar und erfüllt nach Hause gehen und ich dankbar und erfüllt bin das tun zu können was ich kann. Es ist nicht alles schwarz und weiß und nicht alles so einfach zu erklären, aber eins ist mir heute wichtig zu sagen:
Du bist wertvoll. Du bist wertvoll, auch wenn du nicht oder „genug“ leistest. Du brauchst deine Zeit für deinen Weg, für deine Ziele und für deine Entwicklung. Nimm sie dir und zeih nicht an deiner eigenen Pflanze in dir, weil jemand von außen kommt und sagt: „Das dauert aber zu lange.“
Gras wächst in seinem Tempo. Punkt. Gerade als Pädagog*innen, egal ob mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, sollten wir uns das wieder bewusst machen. Wir begleiten, wir unterstützen, wir vermitteln Wissen, wir motivieren und inspirieren, aber wir haben nicht zu ziehen oder zu stressen.
Und erzählt euch nicht den Bullshit: „Mir hat es auch nicht geschadet.“ – Doch, es hat geschadet, tut weh die Erkenntnis, ich weiß. Tat mir auch weh, ist aber leider die Wahrheit. Lasst uns ehrlich zu uns sein. Lasst uns ehrlich zueinander sein. Lasst und wieder miteinander lernen und uns weiterentwickeln und nicht gegeneinander.
In meiner nächsten Masterclass „Gesund musizieren“ spreche ich auch über dieses Thema. Wenn du dazu Lust hast, komme gerne am 12.08.24 um 19 Uhr auf Zoom dazu oder schau dir die Aufzeichnung an, falls du an dem Tag nichts kannst.






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