Nenne mir einen Musikstudierenden oder einen Musikschaffenden, der oder die nicht irgendwann mal über körperliche Beschwerden klagt, mental nicht mehr kann, der Stress und Druck so hoch wird, dass er oder sie unter ihm fast zusammenbricht.
Unsere Branche, besonders die Ausbildung in einer Musikhochschule, ist absolut nichts für „zart besaitete“. Stimmt das? Ist das wirklich so?
„Sensible Menschen sind einfach zu schwach für den Job?“
Wenn dem wirklich so ist, sieht es mau aus, denn ich kenne persönlich wenig unsensible Menschen in der Branche. Durch unsere Tätigkeit als Musiker*in und/oder Pädagog*in, Kreative und Künstler*innen im Allgemeinen, sind wir zum großen Teil „Sensibelchen“, die nur irgendwann beginnen ihre hohe Sensivität im Alkohol zu ertränken oder sich in absolutem Leistungswahn verlieren. Ab einem bestimmten Punkt hören wir dann auf unseren Körper und seine Empfindungen zu spüren. Wir hören auf unserer Seele zuzuhören, die schreit. Wir kapseln uns komplett von unserer Wahrnehmung ab, denn die wird uns so oft abgesprochen, von Menschen, die uns übergestellt sind.
Lehrkräfte, Vorgesetzte, Veranstalter*innen und Kund*innen geben uns oft unbewusst und indirekt und manchmal sogar ganz direkt vor, wie wir uns zu fühlen haben oder das wir uns „jetzt nicht so anzustellen haben“. Diese Sätze machen uns nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern bringen uns unterbewusst bei, dass die Aussagen von anderen Menschen mehr wert sind, als unsere Intuition und unsere Empfindungen.
„Ach, eine Ibu und du kannst noch zwei Stunden länger üben!“
„Dir ist das gerade zu viel? Wie willst du denn in dieser Branche überleben? Das ist kein Ponyhof!“
„Du brauchst eine Pause? Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Reiß dich zusammen!“
„Du bist schon wieder krank? Das passiert aber in letzter Zeit häufiger!“
„Du darfst nicht fehlen, wir können das ohne dich nicht machen.“
In unserer Gesellschaft ist es normal, auf dem Zahnfleisch zu laufen und aus dem letzten Loch zu pfeifen und trotzdem noch seinen Job zu machen und dabei bitte nicht zu sehr zu jammern, denn so ist die Welt eben und „ich musste da auch durch, mir hat es auch nicht geschadet.“ – Ja, vielleicht hat es doch geschadet. Man könnte meinen 2020-2022 hätten die Menschen über Gesundheit irgendwas gelernt….
Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen, bitte nicht nachmachen!
Im Oktober 2017 begann gerade mein Doppelstudium, ich war zum ersten Mal in zwei Bachelorstudiengängen gleichzeitig eingeschrieben. Querflöte und Klavier im Hauptfach. Ich hatte ein Engagement als Solistin für ein Solokonzert in meiner Heimat und sollte dort ein Telemann Flötenkonzert spielen, mit einem Projektorchester. Zwei Tage vor dem Konzert klappte ich in der Musikhochschule zusammen, mit Kreislauf und Magenbeschwerden. Ich hatte mir einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Mir ging es gelinde gesagt wirklich dreckig.
Jeder vernünftige Mensch hätte das Konzert abgesagt, in dem ja nicht nur ich aufgetreten bin. Das Konzertprogramm wäre halt fünfzehn Minuten kürzer gewesen, schade, aber die Solistin war krank. Punkt.
Ich habe sehr mit mir gerungen, aus zwei Gründen: Erstens hatte ich gelernt, dass ich auch mit Kopf unterm Arm noch Konzert spielen konnte und „musste“. Zweitens brauchte ich zu diesem Zeitpunkt wirklich jeden Euro, da ich mir eine neue Querflöte kaufen wollte. Ich entschied mich also mit Kopf unterm Arm, oder eher mit Magenkrämpfen und starker Übelkeit in den Zug zu setzen, was übrigens wirklich die schlimmste Zugfahrt meines Lebens war und wurde bei der Ankunft noch von meinen Freunden gepflegt. Ich ging zur Generalprobe, hatte bereits zwei Tage nichts mehr gegessen, kämpfte mit dem Gleichgewicht und damit alle dreissig Minuten zur Toilette rennen zu müssen.
Niemand in dieser Probe hat bemerkt wie es mir geht, nicht weil das unsensible Idioten waren, sondern weil ich gut schauspielern konnte, Make-Up drauf hatte und absolut nichts gesagt habe. Ich hatte ja zu „funktionieren“ und meinen Job zu machen. Am nächsten Tag ging ich zum Konzert, ich hatte in meinem Leben noch nie solche Magenkrämpfe, wie an diesem Tag. Alles an meinem Körper schrie danach, dieses Konzert abzusagen und im Bett zu bleiben.
Ich spielte ein fehlerfreies Konzert. Das Publikum, der Dirigent und die Musiker*innen waren begeistert. Niemand merkte was, außer meine Freunde, die wussten Bescheid und machten sich große Sorgen, ob ich heil auf die Bühne und wieder runterkommen würde. Ich übergab mich vor dem Konzert und danach. In den dreißig Minuten, in denen ich zu sehen und zu hören war, riss ich mich zusammen, meine Mimik, meine Gestik, ließ meine innere „Bühnensau“ raus und machte meinen Job. Damals war ich sogar noch stolz auf mich und habe mich dafür gefeiert, dass ich in so einem Zustand noch so spielen konnte…
Ich brauche dir nicht zu sagen, dass ich in den vier Wochen danach noch große körperliche Beschwerden hatte, inklusive heftigen Nachwirkungen in der Speiseröhre und im Magen. Warum? Weil ich doch meinen Job zu machen hatte und ich mich nicht so anstellen soll, „zieh durch“, „seih kein Weichei“, „heul nicht so rum“.
Das ist mehr als nur fatal. Ich war zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt und habe mich in körperliche Gefahr gebracht wegen eines Telemann Solokonzerts. Niemand wäre gestorben, wenn das Konzert nicht gespielt worden wäre. Niemand hätte mir einen Vorwurf gemacht, außer ich selbst natürlich, wenn ich abgesagt hätte.
Ich habe so eine dämliche Aktion Dank sei Gott danach nie wieder gebracht. Ich habe mich noch sehr oft an die körperlichen und mentalen Grenzen gebracht und einige Male bin ich auch fröhlich selbst drüber gelatscht oder habe sie mir von außen einrennen lassen. Aber ich habe eins heute verstanden:
Die Zeichen und Empfindungen meines Körpers und meiner Seele sind das Einzige, auf das ich höre und ich muss einen Scheiß!
Ich weiß, dass du, während du das hier liest, die ein oder anderen Glaubenssätze bei dir ebenfalls anspringen. Das ist natürlich nicht nur und der Musikbranche vorhanden, sondern in der Arbeitswelt generell. Du bist damit nicht alleine!
Ich möchte dir ein Angebot unterbreiten, welches sich vornehmlich an Musiker*innen und Musikstudierende richtet, aber natürlich offen für alle ist:
Meine nächste Masterclass Gesund musizieren ist kostenlos, ihr dürft gerne danach etwas per PayPal spenden, das spende ich dann an den Deutschen Tierschutzbund e.V.

Ich mache diese Masterclass im Rahmen meiner Yogaausbildung im Bereich Karmayoga und möchte euch so die Möglichkeit geben euch mit Yoga, Meditation und Achtsamkeit im Berufsalltag zu beschäftigen.
Am 05.08.23 um 10 Uhr wird die Masterclass live auf Zoom stattfinden, ihr braucht eine Matte oder Unterlage. Hier könnt ihr euch kostenlos anmelden.
Ich freu mich auf dich und vergiss nicht: Du musst einen Scheiß!





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