Wenn etwas fehlt…

In den letzten Monaten werde ich immer wieder gefragt: Wie geht es dir mit der aktuellen Situation? Und weißt du, was ich dann immer sagen möchte?

Es geht mir beschissen. Ich möchte nachts in mein Kissen schreien. Ich fühle mich, als würde der Anteil in mir, der mich am stärksten ausmacht seit über einem Jahr fehlen. Ich unterdrücke seit Monaten Bedürfnisse, die uns Menschen ausmachen und die mich persönlich als Musikerin und Künstlerin ausmachen. Wie soll es mir da gehen? Ich habe Bewältigungsmechanismen im Alltag, ja, die helfen manchmal mehr und manchmal weniger – aber im Endeffekt bin ich die meiste Zeit in einem sehr traurigen, depressiven Zustand, in dem ich aktuell kaum rauskomme.

Ich lenke mich ab mit Arbeit. Ich lenke mich ab mit Schreiben, Podcasts und Content produzieren, um etwas Sinnvolles mit meiner Zeit anzufangen. Ich lenke mich ab mit Netflix und Büchern, ich lenke mich ab mit FaceTime und Zoomcalls. Ich versuche nicht daran zu denken, dass mir das, was mich als Mensch ausmacht fehlt. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich am 08.02.2020 mein letztes Konzert hatte. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich das Bühnentier in mir in Ketten gelegt habe und still halten muss, damit ich nicht täglich in Tränen ausbreche und irgendwem die Visage einschlagen will, weil ich zwar rational verstehe, aber emotional nicht verstehe was hier passiert. Aber ich bin ehrlich, ich verstehe auch rational nicht mehr was hier passiert.

Der Teil in mir, der kommunizieren möchte und zwar echt, real, in 3D und Farbe, den habe ich ebenfalls in Ketten gelegt. Er versteht nicht, warum ich täglich mit einem Laptop oder einem Smartphone spreche. Er fragt mich täglich: „Was soll der Mist?“. Ein Teil in mir, der Menschen umarmen und ihnen Nahe sein möchte, habe ich in Ketten gelegt, der fragt mich ebenfalls täglich: „Hast du noch alle Latten am Zaun?“. Ein Teil in mir, der mit anderen Menschen musizieren möchte, nun ja was soll ich sagen, Ketten reichen da leider nicht mehr aus …

Was tun, wenn wir die menschlichsten Bedürfnisse in uns unterdrücken müssen? Von den Floskeln: „Noch zwei Wochen, dann haben wir’s geschafft“, bekomme ich Brechreiz. Für ein paar Wochen kann man diesen Zustand aushalten, aber für diese lange Zeit? Da sind härtere Massnahmen nötig, um in uns diese Stimmen auszuschalten. Die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse halten manche Menschen länger aus als andere. Ich halte es nicht mehr aus.

Ich weiß, ich spreche nicht nur für mich und ich weiß, dass der eine oder die andere das vielleicht nicht nachvollziehen kann, aber diese lange Zeit hinterlässt starke psychische Spuren. Mein Inneres rebelliert seit einigen Monaten schon, es rebelliert bereits so, dass man es von Außen sehen kann. Jede*r in meinem Umfeld kann meinen Zustand mittlerweile sehen und ich ertrage es nicht mehr so zu tun, als käme ich mit der ganzen Sache noch länger klar. Ich nutze diesen Artikel und diese Zeilen natürlich auch, um das mal alles loszuwerden und niederzuschreiben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir das hilft.

Die psychische Belastung, die diese Zeit mit sich bringt ist mittlerweile auf so vielen Ebenen zu sehen und ich möchte darüber nicht mehr schweigen. Es ist nicht nur für Musiker*innen und Kulturschaffende schwer. Es ist für alle eine sehr schwere Zeit, aber es ist für einige gesundheitlich schwerer als für andere. Diese Menschen dann mit Scheiße zu bewerfen, weil sie versuchen aus ihrem Loch zu kriechen und irgendwie klar zu kommen, aus der Angst (vor was auch immer) auszusteigen, ist keine Lösung. Es verschlimmert den Konflikt in dem Menschen und zwischen den Menschen nur noch mehr.

Meine Motivation diese Zeilen zu schreiben?

Vielleicht liest das jemand, der oder die sich dann nicht mehr alleine fühlt. Vielleicht liest das jemand, der oder die dann etwas besser versteht, dass es wesentlich mehr Menschen scheiße geht, als man das so im Umfeld mitbekommt. Vielleicht liest das jemand, der oder die jemandem im Umfeld helfen kann, damit besser umzugehen. Ohne mein Umfeld, könnte ich das aktuell nicht stemmen.

Ich weiß, ich bin nicht alleine. Ich weiß, es ist hart das auszusprechen. Ich weiß, einige halten mich jetzt für labil, instabil, ignorant, irrational oder für schwach und weißt du was?

Juckt mich nicht!

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